{"id":923,"date":"2024-10-31T10:32:14","date_gmt":"2024-10-31T09:32:14","guid":{"rendered":"https:\/\/streit-kultur.mohrsiebeck.com\/?page_id=923"},"modified":"2025-03-06T17:33:05","modified_gmt":"2025-03-06T16:33:05","slug":"streit-raum","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/streit-kultur.mohrsiebeck.com\/index.php\/streit-raum\/","title":{"rendered":"Streit-Raum"},"content":{"rendered":"\t<section class=\"hero-image bg-lightblue\">\n  \t\t<article>\n  \t\t\t\t<div class=\"col-2\">\n            \t\t<h2><em>Streit<\/em>-Raum<\/h2>\n  \t\t\t\t<\/div>\n  \t\t\t\t<div class=\"col-2\">\n\t\t\t\t\t\t\t\t<\/div>\n      <\/article>\n  \t<\/section>\n\n\n<section class=\"textblock \">\n\t<article class=\"\">\n\t\t<div>\n\t\t\t<p><em>Streit<\/em>-Kultur er\u00f6ffnet neben dem j\u00e4hrlich erscheinenden Heft am 31. Oktober 2024 den <em>Streit<\/em>-Raum: Ein Forum, in dem frei zug\u00e4nglich auf aktuelle theologische, kirchliche und gesellschaftliche Kontroversen reagiert werden kann. Es kommen gegens\u00e4tzliche Positionen zu Wort, bewusst knapp und pointiert.<\/p>\n<p>Auch Entgegnungen wird Raum gegeben. Es besteht die M\u00f6glichkeit, binnen eines Monats nach Freischaltung <em>sachorientierte Repliken oder Forumsbeitr\u00e4ge<\/em> (maximal 6.000 Zeichen inklusive Leerzeichen) zu den Themen- und Fragekreisen einzusenden. Sie werden vor einer m\u00f6glichen Ver\u00f6ffentlichung von der Herausgeberin und den Herausgebern gepr\u00fcft.<\/p>\n\t\t<\/div>\n\t<\/article>\n<\/section>\n\n\n\n<section class=\"submenu\">\n\t<article>\n\t\t<h2><\/h2>\n\t\t <ul class=\"submenu-list\">\n\t\t\t\t\t\t   <li><a class=\"scroll\" href=\"#SR1\"><em>Streit<\/em>-Raum 1: Zur Zukunft des Theologiestudiums<\/a><\/li>\n\t\t \t\t\t\t   <li><a class=\"scroll\" href=\"#RSR1\">Repliken zu <em>Streit<\/em>-Raum 1<\/a><\/li>\n\t\t \t\t <\/ul>\n\t<\/article>\n<\/section>\n\n\n<section class=\"anchor\">\n\t<article>\t\n\t\t<a id=\"SR1\"  tabindex=\"-1\"><\/a>\n\t\t<h2><em>Streit<\/em>-Raum 1: Zur Zukunft des Theologiestudiums<\/h2>\n\t<\/article>\n<\/section>\n\n\n<section class=\"img-text-col-2\">\n<article>\n\t<div class=\"col-wrap right even \">\n\t\t<div class=\"col-2 \">\n            <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1456\" height=\"2332\" src=\"https:\/\/streit-kultur.mohrsiebeck.com\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Der_Fleissige_Student.jpg\" class=\"attachment-full size-full\" alt=\"Johann Georg Puschner\u00a0\u2013 \u201eDer Fleissige Student\u201c, Universit\u00e4t Altdorf um 1725 (Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=8818133))\" \/>\t\t\t\t<div class=\"caption-wrap\">\n            <div class=\"caption\">Johann Georg Puschner\u00a0\u2013 \u201eDer Fleissige Student\u201c, Universit\u00e4t Altdorf um 1725 (Gemeinfrei)<\/div>\n                      <\/div>\n\t\t        <\/div>\n        <div class=\"col-2\">\n            <div class=\"text\">\n              <p>Zunehmende Kirchenaustritte und schwindende Theologiestudierenden-zahlen alarmieren. Die Ursachen hierf\u00fcr sind umstritten. Es gibt Stimmen, die dem Theologiestudium selbst Schuld daran geben, dass es nur m\u00e4\u00dfig nachgefragt wird. Aber auch f\u00fcr das gesellschaftliche Desinteresse an kirchlichem Handeln soll es verantwortlich sein. Vermutlich ist jedoch das Umgekehrte der Fall. Denn eine wenig attraktive Kirche zieht keinen Nachwuchs an.<br \/>\nJedenfalls steht die Frage im Raum, was\u00a0eigentlich\u00a0der Kern des Theologiestudiums sei und wie dieser angemessen zur Geltung komme. Hier\u00fcber befinden sich die evangelisch-theologischen Fakult\u00e4ten und Institute in Deutschland in kontroversem Austausch untereinander und mit den Landeskirchen. Es wird dar\u00fcber gestritten, ob oder inwiefern das Theologiestudium einer Reform bedarf, die seiner Sache gerecht wird. Hierbei steht viel auf dem Spiel. Es ist unbedingt zu vermeiden, dass der Bedeutungsverlust der Kirche einen Niveauverlust der Theologie provoziert, der beiden schadete.<\/p>\n<p>Im ersten <em>Streit<\/em>-Raum, den die Herausgeberin Anne K\u00e4fer und der Herausgeber Andr\u00e9 Munzinger verantworten, wird die Zukunft des Theologiestudiums diskutiert. Es positionieren sich zu den Fragekreisen 1. Was ist des Studiums Kern?, 2. Wie h\u00e4ltst Du\u2019s mit den Sprachen? und 3. Wie h\u00e4ltst Du\u2019s mit BA\/MA?<\/p>\n<p><strong>Eve-Marie Becker<\/strong> (Professorin f\u00fcr Neues Testament | Universit\u00e4t M\u00fcnster),<strong> Mehr Theologie wird gebraucht! Auf der Suche nach Gott und Freiheit im Umbau.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Thomas Kaufmann <\/strong>(Professor f\u00fcr Kirchengeschichte | Universit\u00e4t G\u00f6ttingen), <strong>Widerstandspflicht<\/strong><\/p>\n<p><strong>Joachim Kunstmann <\/strong>(Professor f\u00fcr Religionsp\u00e4dagogik | P\u00e4dagogische Hochschule Weingarten)<em>, <\/em><strong>Theologiestudium <\/strong><strong>f\u00fcr heute<\/strong><\/p>\n<p><strong>J\u00f6rg Lauster <\/strong>(Professor f\u00fcr Systematische Theologie | Universit\u00e4t M\u00fcnchen),<strong> Theologiestudium morgen<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Einsendeschluss f\u00fcr Repliken<\/strong> \u2013 auf einen, mehrere oder alle Debattenbeitr\u00e4ge \u2013 ist der 30. November 2024. Sp\u00e4ter eingesendete Beitr\u00e4ge werden nicht ber\u00fccksichtigt. Die Beitr\u00e4ge werden von der Herausgeberin und den Herausgebern der <em>Streit<\/em>-Kultur gepr\u00fcft: Die Zeichenzahl von maximal 6.000 Zeichen inklusive Leerzeichen ist nicht zu \u00fcberschreiten. Der Bezug zu den drei Fragen und den Themen muss erkennbar sein. Inhaltlich ist eine mit guten Gr\u00fcnden versehene Sachorientierung erbeten. Die Beitr\u00e4ge werden dann<em> zum 15. Dezember 2024<\/em> ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p><strong>Einsendungen bitte per E-Mail an: philipp.david[at]evtheologie.uni-giessen.de<\/strong><\/p>\n            <\/div>\n\t\t\t        <\/div>\n    <\/div>\n  <\/article>\n<\/section>\n\n\n\n<section class=\"submenu\">\n\t<article>\n\t\t<h2><\/h2>\n\t\t <ul class=\"submenu-list\">\n\t\t\t\t\t\t   <li><a class=\"scroll\" href=\"#Becker\">Mehr Theologie wird gebraucht! (Eve-Marie Becker)<\/a><\/li>\n\t\t \t\t\t\t   <li><a class=\"scroll\" href=\"#Kaufmann\">Widerstandspflicht (Thomas Kaufmann)<\/a><\/li>\n\t\t \t\t\t\t   <li><a class=\"scroll\" href=\"#Kunstmann\">Ein Theologiestudium f\u00fcr heute (Joachim Kunstmann)<\/a><\/li>\n\t\t \t\t\t\t   <li><a class=\"scroll\" href=\"#Lauster\">Theologiestudium morgen (J\u00f6rg Lauster)<\/a><\/li>\n\t\t \t\t <\/ul>\n\t<\/article>\n<\/section>\n\n\n<section class=\"textblock \">\n\t<article class=\"\">\n\t\t<div>\n\t\t\t\t\t<\/div>\n\t<\/article>\n<\/section>\n\n\n<section class=\"anchor\">\n\t<article>\t\n\t\t<a id=\"Becker\"  tabindex=\"-1\"><\/a>\n\t\t<h2>Mehr Theologie wird gebraucht! Auf der Suche nach Gott und Freiheit im Umbau. (Eve-Marie Becker, M\u00fcnster)<\/h2>\n\t<\/article>\n<\/section>\n\n\n<section class=\"textblock \">\n\t<article class=\"\">\n\t\t<div>\n\t\t\t<ol>\n<li><strong><em> Was ist des Studiums Kern?<\/em><\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Ob ich heutzutage Evangelische Theologie studieren w\u00fcrde? Schwer zu sagen. Damals, nach meinem Abitur 1991 in Limburg an der Lahn, als der sog. Eiserne Vorhang gerade gefallen war und die lastenden Bedrohungen in Europa und der Welt mitsamt ihren Folgeerscheinungen wie Tschernobyl 1986, die meine Kindheit und Schulzeit mitbestimmt hatten, von uns abgefallen zu sein schienen, er\u00f6ffnete das Studium der Evangelischen Theologie den fr\u00f6hlichen und freiheitlichen Weg zu einer Begegnung mit einer kleinen Universit\u00e4t inmitten einer gro\u00dfen und vielf\u00e4ltigen. Verschiedene fachliche Interessen, die sich besonders in der Oberstufenzeit abgezeichnet hatten, lie\u00dfen sich mit dem Studium der Evangelischen Theologie verbinden, ja realisieren: von der Erforschung der altorientalischen und griechisch-r\u00f6mischen Welt zu abendl\u00e4ndischer Kunst- und Musikgeschichte oder Fragen je aktueller religi\u00f6ser Kommunikation oder Medizinethik. <em>Ein<\/em> Studiengang, der zugleich die Welt der multiperspektivisch-pluralen <em>academia<\/em> er\u00f6ffnet und miteinander verkn\u00fcpft, l\u00f6ste mein Dilemma, mich zwischen Sprachen, Literatur, Geschichte, Philosophie oder den naturwissenschaftlichen Interessen, die die Leistungskurse in der Abiturzeit gef\u00f6rdert hatten, entscheiden zu m\u00fcssen. \u201eDerjenige muss Theologie studieren, den das Nachdenken \u00fcber Gott nicht losl\u00e4sst\u201c, so lernte ich in meinen ersten Studiensemestern in Marburg. Daran hat sich nichts ge\u00e4ndert! Gerade den \u00e4lteren akademischen Lehrern in Marburg \u2013 akademischen Lehrerinnen begegnete ich dann erst sp\u00e4ter in meinem Studium in Erlangen \u2013 war nicht zuletzt aufgrund ihrer pers\u00f6nlichen Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus und den durch ihn heraufbeschworenen Katastrophen geradezu existenziell bewusst, dass Theologie immer auch Ideologiekritik erm\u00f6glicht und in die Freiheit des Denkens f\u00fchrt. Hatten interessanterweise insbesondere meine Lieblingslehrer und -lehrerinnen in der Schulzeit die Freiheit ihres Denkens in Atheismus und Agnostizismus begr\u00fcndet, so lernte und erlebte ich im Studium: <em>Sapere aude!<\/em> ist von der Evangelischen Theologie, die keine Tabuzonen zul\u00e4sst, nicht nur erlaubt, sondern gefordert. Alleine schon aus Gr\u00fcnden der Ideologiekritik und des Strebens nach schonungsloser Aufkl\u00e4rung arglos oder listig tr\u00fcber Gedanken w\u00fcrde ich auch heute ein Studium der Evangelischen Theologie neugierig froh beginnen und denen, die nach Gott und Freiheit suchen, dazu raten, Ebensolches zu tun.<\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li><strong><em> Wie h\u00e4ltst Du\u2018s mit den Sprachen?<\/em><\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Die Sprachen \u2013 Hebr\u00e4isch, Griechisch, Latein \u2013 haben mir in mehrfacher Weise den Weg in das Innere der Evangelischen Theologie erschlossen. Im kirchengeschichtlichen Proseminar \u00fcbersetzten wir eine nicht in \u00dcbersetzung vorliegende Ablassinstruktion \u2013 mein schulisches Latein wurde so erprobt und weitergef\u00fchrt. Im Griechischkurs, der zur Abitur-Erg\u00e4nzungspr\u00fcfung f\u00fchrte, entstanden nicht nur wertvolle Freundschaften zu Studienbeginn. Ich erinnere das erste Weihnachtsfest mit Graecum genau und meine Freude, Lk 2 nun selbst in seiner lukanischen Urfassung lesen und \u00fcbersetzen zu k\u00f6nnen. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr Hebr\u00e4isch. Die Sprachen erschlie\u00dfen nicht nur die Texte in ihrer vermuteten Originalfassung, sondern auch die Denktraditionen hinter den Psalmen, die Erinnerungsformen von Geschichtserz\u00e4hlungen und die allt\u00e4glichen Artikulationsweisen von Menschen vor mehreren tausend Jahren, denen wir zumindest im Geiste begegnen k\u00f6nnen. Mit dem Spracherwerb wurden wir ernsthafte Kommilitoninnen und Kommilitonen unserer akademischen Lehrer: gleichberechtige Gespr\u00e4chspartner beim Ringen um das sachgem\u00e4\u00dfe Verstehen einer von Beginn an polyglotten Theologie in ihrer Geschichte. Die Bibel und ihre Auslegung \u2013 und mit ihr die Evangelische Theologie \u2013 leben geradezu vom Vorgang der st\u00e4ndigen \u00dcbersetzung! Philologische Ambition und Kompetenz erwiesen sich auch im Laufe meines weiteren akademischen Weges als mehrspuriger Highway: Die Beherrschung der antiken Sprachen der Theologie, zu denen im \u00dcbrigen zumindest auch Aram\u00e4isch, Koptisch oder Syrisch z\u00e4hlen w\u00fcrden, f\u00f6rdert die Sorgfalt im Umgang mit der eigenen Muttersprache sowie das Interesse an all den modernen Sprachen und ihren Eigenheiten, denen wir anderswo begegnen und die die internationale Vernetzung vor unsere Haust\u00fcr tr\u00e4gt. Spracherwerb ist Freiheitsgewinn. Oder theologisch zugespitzt: Wer nicht zu Studienbeginn Latinum, Graecum und Hebraicum zu erwerben hat, wird es fortan schwer haben, <em>from within<\/em> zu erfassen, warum der <em>Logos<\/em> Fleisch werden musste (Joh 1,14).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li><strong><em> Wie h\u00e4ltst Du\u2018s mit BA\/MA?<\/em><\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Die Freiheit meines Studiums mit Abschluss: \u201eEvangelische Theologie: Kirchliches Examen\u201c konnte ich seinerzeit mit der M\u00f6glichkeit der Nachdiplomierung nutzen und w\u00fcnsche mir \u2013 frei nach Paulus \u2013, alle Menschen w\u00e4ren so wie ich und h\u00e4tten gleiche M\u00f6glichkeiten (1 Kor 7,7). Doch seit meiner Studienzeit sind etwa 30 Jahre vergangen. Studienordnungen setzen Rahmen unter ge\u00e4nderten Bedingungen. Zu fragen ist: Was genau hat sich seither ver\u00e4ndert? Solche Rahmen sollten nie um ihrer selbst willen, schon gar nicht um der Gremien willen gesteckt werden, sondern den Erfolg des Studiums gew\u00e4hrleisten und fortan zu sichern helfen. Diesseits des Rahmens wird ein Erm\u00f6glichungsraum, Theologie zu studieren, abgesteckt; nach au\u00dfen dient der definierte Rahmen von Studienordnungen dazu, Vergleichbarkeit nachpr\u00fcfbar und Leistungsnachweise dokumentierbar zu machen. Diese Rahmen sind gleichwohl nicht als Mauer fest in der Erden zementiert, sondern bestehen aus verschiedenen Materialien und k\u00f6nnen umgebaut werden. Die Diskussion \u00fcber BA\/MA empfinde ich als Umbauprozess, der gleichwohl einem Balanceakt gleicht. Denn der Erm\u00f6glichungsraum f\u00fcr das Studium der Theologie darf durch keine Studienordnung beengt oder verstellt werden. Was ich meine? Es braucht auch k\u00fcnftig fundierte philologische Kompetenz im Umgang mit dem \u201eWort Gottes\u201c von Studienbeginn an; es braucht nach wie vor Zeit zur Vertiefung in die anspruchsvollen Themen der Theologie, die vor die Geburt des Menschen zur\u00fcckf\u00fchren und \u00fcber seinen Tod hinausreichen; es braucht auch weiterhin solides methodisches R\u00fcstzeug wie auch die Freiheit bei der Wahl der Studienschwerpunkte; es braucht noch viel entschiedener den Leistungswillen, mehr zu lernen \u2013 seien es Vokabeln, Bibeltexte oder Konzilszahlen. Die Suche nach der \u201egr\u00f6\u00dferen Gerechtigkeit\u201c der Christus-Glaubenden (Mt 5,20) darf gerne den Anspruch einschlie\u00dfen, <em>mehr<\/em> zu wissen und <em>mehr<\/em> zu suchen. Jeder Rahmen, der den Erm\u00f6glichungsraum f\u00fcr das Studium der Theologie im Geiste dieses qualitativen \u201eMehr\u201c auf fundierter Wissensbasis er\u00f6ffnet, ist willkommen. Denn weniger Wissen und K\u00f6nnen wird nicht und von niemandem gebraucht. Evangelische Theologie hat in Deutschland f\u00fcr Jahrhunderte akademische und wissenssoziologische Ma\u00dfst\u00e4be gesetzt: <em>Noblesse oblige<\/em> \u2013 auch heute.<\/p>\n\t\t<\/div>\n\t<\/article>\n<\/section>\n\n\n<section class=\"anchor\">\n\t<article>\t\n\t\t<a id=\"Kaufmann\"  tabindex=\"-1\"><\/a>\n\t\t<h2>Widerstandspflicht (Thomas Kaufmann, G\u00f6ttingen)<\/h2>\n\t<\/article>\n<\/section>\n\n\n<section class=\"textblock \">\n\t<article class=\"\">\n\t\t<div>\n\t\t\t<p>1) Das Studium der Evangelischen Theologie in Deutschland ist das Ergebnis spezifischer politischer, konfessioneller und wissenschaftsgeschichtlicher Entwicklungen; im Kern reichen sie ins Zeitalter der Reformation zur\u00fcck. Denn damals wurde in einem um 1600 weitgehend abgeschlossenen Prozess etabliert, was seither selbstverst\u00e4ndlich geblieben ist: Dass ein Pfarrer an einer Universit\u00e4t studiert hat, nicht nur in den artes dicendi (Rhetorik, Dialektik), sondern auch in Exegese, Dogmatik und der patristischen Literatur geschult ist und mit den drei \u201aalten Sprachen\u2018 umgeht. Der Kern des Studiums besteht seit dem 16. Jahrhundert \u2013 ungeachtet theologiegeschichtlicher Nuancierungen und Evolutionen \u2013 darin, sich mit Geschichte, Gehalt und Gestaltwerdungen des Christentums in der Perspektive einer selbstverantworteten Positionierungsf\u00e4higkeit zu befassen. Wer Theologie studiert, strebt an, im kirchlichen und \u00f6ffentlichen Raum f\u00fcr das Christentum einzutreten und sich bei seiner Existenz als Christ behaften zu lassen. Theologiestudium ist eine lebenslange Aufgabe; die Studienzeit weist in diese reflexive Dauerpraxis ein. Ein wesentliches Ziel des Studiums besteht darin, das eigene Lebensverh\u00e4ltnis zum christlichen Glauben reflexiv weiterzuentwickeln; wer sich w\u00e4hrend eines Theologiestudiums in seiner Fr\u00f6mmigkeit nicht ver\u00e4ndert, hat falsch studiert. Als ein wesentliches Ziel meiner unterrichtlichen T\u00e4tigkeit habe ich immer empfunden, Theologiestudentinnen und -studenten mit dem inneren Variantenreichtum des Christentums, den sich in seiner Geschichte offenbarenden Alternativen in Hinblick auf Lehre und Lebensformen, vertraut zu machen und quasi im Modus historischer Ann\u00e4herungen f\u00fcr differente Fr\u00f6mmigkeitsstile zu sensibilisieren. Sp\u00e4testens seit konstantinischer Zeit ist \u201adie Kirche\u2018 \u2013 im Unterschied zur \u201aSekte\u2018 &#8211; keine \u201ahomogene\u2018 Gesinnungs- und Lebensgemeinschaft, sondern ein Ort der Vielen, der Verschiedenen, jedermanns. Unbeschadet des Mitgliederschwunds unserer Tage hat sich daran im Prinzip nichts ge\u00e4ndert. Deshalb ist es erforderlich, dass ein Pastor \/ eine Pastorin mit unterschiedlichen religi\u00f6sen Stilen umzugehen vermag und davon absieht, einen eigenen Stil aufzuoktroyieren. Diese reflexive Distanzierungs- und Selbstrelativierungskompetenz erfordert Kritikf\u00e4higkeit \u2013 nicht zuletzt auch gegen\u00fcber sich selbst. Die intellektuell schonungslose, methodisch kontrollierte Umgangsweise der Evangelischen Theologie mit ihren ehrw\u00fcrdigsten, ja \u201aheiligsten\u2018 Gegenst\u00e4nden zielt im Kern darauf ab, religi\u00f6se Wahrheitsressourcen so zu entsch\u00e4rfen, dass sie f\u00fcr das Gemeinwesen vertr\u00e4glich sind. Das unterscheidet unsere reflexiv kultivierte Form von Religion von jeder Form des Fundamentalismus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>2) Der ureigenste Gegenstand der Theologie ist sprachlich verfasst. Theologie zu treiben bedeutet, die eigene Sprachf\u00e4higkeit zu entwickeln, zu erweitern, sprachlich sensibler zu werden, in eine polyglotte Sprachgemeinschaft, die seit mindestens zwei Jahrtausenden existiert und die zum Teil aus der ihr vorg\u00e4ngigen Sprachgemeinschaft Israels hervorgegangen ist, einzutreten. Von einer Sprache in eine andere zu \u00fcbersetzten, f\u00f6rdert das Verstehen f\u00fcr das Gemeinte, n\u00f6tigt zur vertieften Reflexion seines Sinns und impliziert einen transkulturellen Aneignungsprozess. Indem man die textlichen Grundlagen des christlichen Glaubens in Gestalt ihrer urspr\u00fcnglichen oder fr\u00fchen Sprachgestalten studiert, werden sie distanziert und verfremdet und erhalten so die Chance, in neuer Weise nahe zu kommen, zu sprechen und angeeignet zu werden. Insofern sind die alten Sprachen ein unverzichtbares Moment der reflexiven Distanzierung als Kernaufgabe aller Theologie. Dies betrifft freilich nicht nur biblische Texte; auch das Studium anderer theologischer Texte etwa auf Latein oder auf unterschiedlichen Sprachstufen des Deutschen schafft Distanz und erm\u00f6glicht Begegnung. Sollte die neuerliche Attacke auf die alten Sprachen erfolgreich sein, w\u00fcrde sie dazu f\u00fchren, dass k\u00fcnftige Pastorinnen und Pastoren von der bis ins 18. Jahrhundert pr\u00e4genden und allgegenw\u00e4rtigen sprachlichen Formation unseres Kulturkreises, Lateineuropas, definitiv abgetrennt w\u00e4ren. Sie k\u00f6nnten die Inschriften und Grabsteine in ihren Kirchen nicht lesen; sie w\u00e4ren unf\u00e4hig, \u00e4ltere Akten zu studieren, sie w\u00e4ren au\u00dfer Stande, die Bedeutung der Sonntagsnamen zu erkl\u00e4ren \u2013 elementare Unbildung in Bezug auf eine lebendige \u00dcberlieferung, die eineinhalb Jahrtausende \u201aunserer\u2018 Geschichte gepr\u00e4gt und bestimmt hat, w\u00e4re die Folge. F\u00fcr mich w\u00e4re das ein Verbrechen \u2013 vergleichbar Eltern, die ihren Kindern jeden Zugang zu ihrer Familiengeschichte jenseits der eigenen Gegenwart verweigern. Eine Kirche, die sich im Pr\u00e4sentismus suhlt, aber wird an Alternativlosigkeit verenden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>3) Vor etwa 20 Jahren gelang die Abwehr der BA-MA-Struktur f\u00fcr das Pfarramt dank eines breiten Konsenses zwischen Kirchen und Fakult\u00e4ten; ihn auf breiter Front durchzusetzen war ein gro\u00dfer Erfolg. Anhand der Erfahrungen mit den Lehramtsstudieng\u00e4ngen bin ich nachdr\u00fccklich davon \u00fcberzeugt, dass dies richtig war. Denn die modulare Studienstruktur und die konsekutive Pr\u00fcfungspraxis f\u00fchrt am Ende dazu, dass das jeweils \u201aAbgepr\u00fcfte\u2018 als \u201aerledigt\u2018 gilt. Vor dem Hintergrund der gegenw\u00e4rtig erlebten digitalen Transformation unserer Kultur, des ver\u00e4nderten Lese- und Lernverhaltens, der gewandelten Aufmerksamkeits\u00f6konomie, der sich transformierenden Konzentrationsf\u00e4higkeit u. v. a. m., erscheint es mir wichtiger denn je, dass wir eine Studienstruktur verteidigen, die pers\u00f6nliche Entwicklungsprozesse f\u00f6rdert und in einen lebenslangen kreativen Umgang mit theologischen Wissensbest\u00e4nden einweist. Die Einf\u00fchrung der BA-MA-Struktur wird in absehbarer Zeit dazu f\u00fchren, dass wir Pastorinnen und Pastoren auf dem akademischen Schrumpfniveau eines BA erhalten werden, eines Theologen im Anfangsstadium, der lebenslang auf diesem Niveau verharren wird. Dazu d\u00fcrfen wir es nicht kommen lassen. Noch ist die Theologie innerhalb der Universit\u00e4t ein anerkanntes akademisches Fach. Sollten die Reformvorstellungen des GK I-Papiers, die sich in eine bedr\u00fcckende Geschichte des stetig gewachsenen Bedeutungsgewinns des Faches \u201ePraktische Theologie\u201c einf\u00fcgen, umgesetzt werden, wird es um die Reputation der Theologie an der Universit\u00e4t geschehen sein. Deshalb empfinde ich den Widerstand gegen die ruin\u00f6sen Reformpl\u00e4ne als Pflicht.<\/p>\n\t\t<\/div>\n\t<\/article>\n<\/section>\n\n\n<section class=\"anchor\">\n\t<article>\t\n\t\t<a id=\"Kunstmann\"  tabindex=\"-1\"><\/a>\n\t\t<h2>Ein Theologiestudium f\u00fcr heute (Joachim Kunstmann, Weingarten)<\/h2>\n\t<\/article>\n<\/section>\n\n\n<section class=\"textblock \">\n\t<article class=\"\">\n\t\t<div>\n\t\t\t<p><em>Zur Lage der Theologie<\/em><\/p>\n<p>Seit Jahren diskutiert man dar\u00fcber, ob bei den stark sinkenden Studierendenzahlen nach wie vor Latein, Griechisch und Hebr\u00e4isch gelernt werden m\u00fcsse. Die Antwort ist vorhersehbar: selbstverst\u00e4ndlich muss man. Sollte man aber nicht unbedingt auch Aram\u00e4isch und Alt\u00e4gyptisch voraussetzen, damit die Bibel auch wirklich verstanden wird? Fragen wie: Wo lernt ein Student eigentlich die Sprache der Gegenwart? Wo lernt er eine <em>religi\u00f6se<\/em> Sprache?, tauchen da nicht auf.<\/p>\n<p>Es ist ein offenes Geheimnis, dass man zwar historisch-kritische Exegese lernt, im Pfarramt viele die Bibel dann aber als mehr oder weniger w\u00f6rtlich zu verstehendes Dokument der g\u00f6ttlichen Offenbarung behandeln. Die Sprachendiskussion tr\u00e4gt da zunehmend absurde Z\u00fcge.<\/p>\n<p>Bereits im Jahr 2001 hat Altbundeskanzler Helmut Schmidt in einer bemerkenswerten Rede auf den Abw\u00e4rtstrend kirchlicher Zahlen verwiesen und verwundert bemerkt, dass das nirgendwo diskutiert werde; statt dessen: \u201ebusiness as usual\u201c. Das l\u00e4sst sich auf das Theologiestudium \u00fcbertragen: es stellt eine Mischung aus Philologie und historischer Forschung dar, auch in der Systematik, w\u00e4hrend die Praktische Theologie am Rand bleibt. Es ist vergangenheits- und komplett Insider-orientiert. Gott spricht in der Bibel \u2013 also ist es lange her, dass ihn jemand vernommen hat. Muss man sich wundern, dass das Christentum in allen einschl\u00e4gigen Umfragen (ausgenommen die Insider-orientierten EKD-Erhebungen) als \u00fcberholtes Museumsst\u00fcck gilt?<\/p>\n<p>Die bedr\u00fcckend wenigen Studienanf\u00e4nger, die noch kommen, sind \u2013 vorsichtig gesagt \u2013 keineswegs mehr die kulturelle Elite. Das alles macht sehr deutlich: hinter den Zahlen steht ein Imageverfall, der diesen erst antreibt. Wer heute Theologie studiert, muss sich erstaunte Fragen anh\u00f6ren. Es ist dringend \u00fcberf\u00e4llig, den rasanten Bedeutungsverfall des Christentums klar zu benennen und offen zu diskutieren. Er ist in seiner Geschichte ohne Beispiel und wird in K\u00fcrze Folgen f\u00fcr die theologischen Fakult\u00e4ten haben. Was muss das Theologiestudium angesichts dieser Lage leisten?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Zielvorstellungen f\u00fcr ein zeitgem\u00e4\u00dfes Theologiestudium<\/em><\/p>\n<p>Die derzeitige Lage stellt massive R\u00fcckfragen an das g\u00e4ngige Studium, das mehr als nur Retuschen braucht. Offensichtlich gelingt es den ausgebildeten Theologen kaum, das Christentum plausibel <em>nach au\u00dfen hin<\/em> \u2013 also zur weit \u00fcberwiegenden s\u00e4kularen Mehrheit \u2013 zu vertreten. Ob das nach innen hin gelingt, lasse ich einmal offen. Das Studium bildet zu einer profunden Kenntnis der christlichen Tradition, also des historischen Christentums aus, f\u00fcr das sich, pointiert gesagt, kaum jemand noch interessiert.<\/p>\n<p>Wenn das auch nur ann\u00e4hernd stimmt, dann muss das Theologiestudium seine Insider-Logik aufbrechen, das Kreisen um die eigene Traditionsvergangenheit. Religi\u00f6se Vergewisserung entsteht schon lange nicht mehr durch die Orientierung an Vorgaben! Die gegenw\u00e4rtige Religiosit\u00e4t, das religi\u00f6se Verstehen heute, die S\u00e4kularisierung m\u00fcssen zentrale Themen sein.<\/p>\n<p>Eine Zielvorstellung des Studiums k\u00f6nnte daher sein: <em>die christliche Religion kompetent vertreten k\u00f6nnen <\/em>\u2013\u00a0nach innen ebenso wie nach au\u00dfen. Es geht um <em>religi\u00f6se Kompetenz<\/em>, die wird auch erwartet! Und die umfasst liturgische Kompetenz und religi\u00f6se Rede ebenso wie einen kompetenten Umgang mit religi\u00f6ser Erfahrung, und vor allem: (christliche) Religion muss als \u00fcbergreifende Lebensdeutung <em>f\u00fcr die Erfahrungen und Fragen der Menschen heute<\/em> verstanden und eingesetzt werden k\u00f6nnen, denn das ist die \u201eSystemrationalit\u00e4t\u201c der Religion.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Eine Skizze<\/em><\/p>\n<p>Der F\u00e4cherkanon kann beibehalten werden, muss aber dringend erg\u00e4nzt und entsprechend entr\u00fcmpelt werden:<\/p>\n<ol>\n<li>Hermeneutik: Diese ist weit wichtiger als die Sprachenfrage und muss mehr sein als historische Exegese. Was Bibel, Bekenntnisse und Reformatoren sagen, ist Niederschlag religi\u00f6ser oder existenzieller Erfahrung, ergo zeitgebunden. Das bedeutet eine klare Kritik der evangelikalen Logik, auch wenn (oder gerade weil) diese von den Landeskirchen unterst\u00fctzt wird. Die ist eine religi\u00f6se Sackgasse, die den Bedeutungsverlust der Religion gerade vorantreibt. Endlich darf die grundlegende Frage nicht mehr einfach beiseite geschoben werden: basiert das Christentum eigentlich auf der Botschaft des Jesus (Reich Gottes, Liebe) oder auf Paulus (S\u00fcnde, Gnade, Glaube, Gericht, Auferstehung)? Das ist wahrlich nicht dasselbe Fundament.<\/li>\n<li>Religionstheorie: Religion und religi\u00f6se Traditionen sind nicht dasselbe. Letztere k\u00f6nnen entleert sein und unverst\u00e4ndlich werden und einer lebendigen Religiosit\u00e4t auch <em>schaden<\/em>. Traditionen sind Vergewisserungsgrund, Traditionalismus ist die Grundgefahr jeder kulturell etablierten Religion. Die massive Religionskritik des Jesus (Sabbatheiligung, lange Gebete, Priester, Tempel, Pharis\u00e4er usw. \u00fcberzieht er mit teils heftiger Polemik!) muss endlich religi\u00f6s ernst genommen, die Problematik von Glaubenslehren reflektiert werden. Hierher geh\u00f6rt auch die Apologie: man muss klare Argumente f\u00fcr (christlich-)religi\u00f6ses Verstehen und Deuten kennen, also die Logik der Religion verstehen.<\/li>\n<li>Religi\u00f6se Kompetenz: Wissen um religi\u00f6se Erfahrung, religi\u00f6se Entwicklung, Spiritualit\u00e4t (i. S. etablierter religi\u00f6ser Praxisformen) und gekonnte Liturgik sind f\u00fcr das Studium essenziell. Mindestens ebenso wichtig wie die Kenntnis der eigenen Tradition ist die F\u00e4higkeit, in ihrem Sinne <em>heutige<\/em> Erfahrungen zu deuten und zu symbolisieren.<\/li>\n<li>Gegenwartskompetenz: neben soziologischem und psychologischem Grundwissen muss ein Wissen um positivistisch-naturwissenschaftliches Denken (und seine Alternativen), um s\u00e4kulare Lebensf\u00fchrung (und ihre Probleme), ein Studium existenzieller Fragen und Erfahrungen heutiger Menschen (Erfolgswille, Sinnverlust, Ersch\u00f6pfung, \u00c4ngste\u2026) sowie deren kompetente christliche symbolische Deutung zum Kern des Studiums geh\u00f6ren. Nur so bleibt das Christentum lebendig.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Die Frage nach BA und MA scheint mir neben diesen grunds\u00e4tzlichen Anfragen nebens\u00e4chlich. Man kann sich da durchaus anpassen, warum auch nicht. Das Problem sind die vielen Pr\u00fcfungen, die die Motivation vermindern.<\/p>\n\t\t<\/div>\n\t<\/article>\n<\/section>\n\n\n<section class=\"anchor\">\n\t<article>\t\n\t\t<a id=\"Lauster\"  tabindex=\"-1\"><\/a>\n\t\t<h2>Theologiestudium morgen (J\u00f6rg Lauster, M\u00fcnchen)<\/h2>\n\t<\/article>\n<\/section>\n\n\n<section class=\"textblock \">\n\t<article class=\"\">\n\t\t<div>\n\t\t\t<ol>\n<li><em> Was ist des Studiums Kern?<\/em><\/li>\n<\/ol>\n<p>Die Theologie hat sich in ihrer gro\u00dfen Geschichte nie zu einer eindeutigen Antwort durchringen k\u00f6nnen, ob sie eine theoretische oder eine praktische Wissenschaft ist. Das ist auch gut so. Sie lebt aus dieser Spannung, und diese macht sie erst interessant. Hoch fliegt die Theologie \u00fcber den allt\u00e4glichen Dingen des Daseins und widmet sich den letzten und gro\u00dfen Fragen. Woher kommen wir, wohin gehen wir, warum sind wir hier? Sie ringt um Antworten im Lichte der christlichen Tradition. Sie stellt sich hinein in den langen Fluss einer Denkbewegung von Menschen, die daran glauben, dass in der Person Jesus Christus das G\u00f6ttliche in der Welt sichtbar wird, und die sich fragen, was daraus f\u00fcr sie selbst, f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis von Menschsein, f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis der Welt folgt. Wie sollen wir leben, wenn in diesem Menschen wirklich das G\u00f6ttliche erschienen ist?<\/p>\n<p>Darin liegt der praktische Aspekt, der die Theologie immer auch zu einer praktischen Wissenschaft macht. Die Theologen des Mittelalters verstanden unter Praxis Wege zur Gottesschau. Die Aufkl\u00e4rung hat viele Federn gerupft, darunter auch diese. Schleiermacher reagierte und erm\u00e4\u00dfigte die Theologie zu einer Funktion, die zur Kirchenleitung bef\u00e4higt. Von der Gottseligkeit zur Kirchenleitung, das ist gewiss ein tiefer Fall, aber zugleich auch eine redliche Selbsterniedrigung der Theologie. Anleitung zur Gottesbegegnung \u2013 das \u00fcberschreitet bei weitem, was Wissenschaft an Universit\u00e4ten leisten kann und soll. So ist der Kern des Studiums heute, im Lichte der gro\u00dfen Erfahrungen des Christentums Menschen auszubilden, damit sie in Kirche, Schule und Gesellschaft T\u00fcr und Tor \u00f6ffnen, um andere Menschen an den gro\u00dfen Themen des Daseins im Lichte des Christentums teilhaben zu lassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li><em> Wie h\u00e4ltst Du&#8217;s mit den Sprachen?\u00a0<\/em><\/li>\n<\/ol>\n<p>Dass man zur Bew\u00e4ltigung dieser Aufgabe gemessen an den akademischen Standards unserer Zeit die wichtigsten Quellen, aus denen das Christentum die Kraft seiner Antworten bezieht, im Original studieren sollte, ist w\u00fcnschenswert. Dass man sich dazu heute in einigen F\u00e4llen bis zu sieben Semester durch Hebr\u00e4isch, Griechisch und Latein qu\u00e4len muss, ist hingegen nicht mehr zeitgem\u00e4\u00df. Um ein Gesp\u00fcr f\u00fcr die philologische Erschlie\u00dfung von Quellen und die Arbeitsschritte wissenschaftlicher Exegese zu bekommen, reicht es aus, dies an <em>einer<\/em> biblischen Sprache durchzuexerzieren. F\u00fcr die beiden verbleibenden anderen, also entweder Griechisch oder Hebr\u00e4isch und Latein sollte man im Zeitalter von ChatGPT mehr Fantasie aufbringen und nach Wegen suchen, die Studierenden funktionale Sprachkenntnisse vermitteln und originalsprachliche Verifizierungen m\u00f6glich machen. Theologie ist nicht Philologie. Studierende m\u00fcssen nicht Platon, Aristoteles, Augustinus, Thomas von Aquin oder Melanchthon im Original lesen, um an den Schatz ihrer Gedanken zu gelangen. Es gibt exzellente \u00dcbersetzungen, und wir sollten froh sein, wenn diese gelesen und studiert werden. Und wenn dann noch hier und da ein Blick ins Original m\u00f6glich ist, um so sch\u00f6ner, um so besser.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li><em> Wie h\u00e4ltst Du&#8217;s mit BA\/MA?<\/em><\/li>\n<\/ol>\n<p>Bei der Formel BA\/MA verlieren in der Theologie oftmals vern\u00fcnftige Pers\u00f6nlichkeiten die Fassung. Es ist ein R\u00e4tsel, woher diese emotionale Aufladung kommt. Sie hat offensichtlich etwas mit Verlust\u00e4ngsten, Vergangenheitsglorifizierung und Zukunftsdepression zu tun.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es berechtige Einw\u00e4nde gegen die Bologna-Reform. An ihr ist wahrhaft nicht alles gut, ihre merkantile Grundausrichtung ist sogar ein echtes \u00dcbel. Aber die trotzige Ablehnung von Seiten einiger in der Theologie \u2013 de facto ist es inzwischen nicht mehr als eine laute Minderheit, das hat der Fakult\u00e4tentag in Abstimmungsergebnissen gezeigt \u2013 ist vergangenheitsorientiert und letztlich destruktiv. Diese Haltung tr\u00e4umt von einer Sonderstellung der Theologie, die sie schon l\u00e4ngst verloren hat.<\/p>\n<p>Dieser Verlust ist ein Gewinn. Die guten, alten Zeiten, das hie\u00df auch, 17 und mehr Semester Theologie ohne Plan, ohne Ziel, ohne Struktur. Die Umstellung auf BA\/MA hilft, Studierende nicht l\u00e4nger mit einer uferlosen Stofff\u00fclle zu erdr\u00fccken, die alles eigene Nachdenken im Keim erstickt. Sie gew\u00e4hrt bessere M\u00f6glichkeiten, klare Lernziele zu formulieren und das Theologiestudium danach zu ordnen. Zudem erm\u00f6glicht die Umstellung, dass sich die Theologie in den Verbund der Disziplinen an den Universit\u00e4ten integrieren kann. Wenn die Theologie sich in dieses System einbringt und daran mitwirkt, BA\/MA-Programme zu verbessern und innerhalb des vorgegebenen Rahmens mehr intellektuelle Freir\u00e4ume zu schaffen, kann sie am Ende als universit\u00e4re Disziplin nur gewinnen. Es erh\u00f6ht ihre internationale und interdisziplin\u00e4re Anschlussf\u00e4higkeit und damit auch die Attraktivit\u00e4t des Faches an Universit\u00e4ten.<\/p>\n<p>Ob es so kommt? Die Theologie in Deutschland ist im Moment nicht reformierbar. Die einzelnen Disziplinen ringen mit ihren Verlust\u00e4ngsten. So wird beispielsweise die Exegese bis zum letzten Blutstropfen um den Erhalt ihrer Stellen k\u00e4mpfen, obgleich es gemessen an den heutigen Herausforderungen zu viele sind, zu viele jedenfalls in der Art, wie Exegese heute betrieben wird. Der Fakult\u00e4tentag versinnbildlicht diese Unreformierbarkeit. Auch wenn ihn, wie gegenw\u00e4rtig, die kl\u00fcgsten und besten Vertreter ihrer Disziplinen leiten, es wird sich dort immer und immer wieder der Chor der Ewig-Gestrigen erheben und noch bis weit \u00fcber den J\u00fcngsten Tag hinaus \u00fcber BA\/MA oder Magister\/Kirchliches Examen diskutieren wollen. Hinter dieser Verz\u00f6gerungstaktik steckt nichts anderes als der Wunsch, dass alles so bleibt, wie es ist.<\/p>\n<p>Die Idee einer einheitlichen Regelung durch einen Konsens in der Theologie ist tot. Es schl\u00e4gt die Stunde der Landeskirchen und Fakult\u00e4ten, die sich auf regionaler Ebene zu mutigen Schritten entschlie\u00dfen und Modellprojekte initiieren k\u00f6nnen, die gemessen an den heutigen Herausforderungen versuchsweise besser und st\u00e4rker den Kern der Theologie ins Zentrum r\u00fccken. Wer etwas wagt, kann Fehler machen, das ist wahr, wer jedoch nichts tut, gibt auf. Das hat die Theologie nicht verdient.<\/p>\n\t\t<\/div>\n\t<\/article>\n<\/section>\n\n\n<section class=\"anchor\">\n\t<article>\t\n\t\t<a id=\"RSR1\"  tabindex=\"-1\"><\/a>\n\t\t<h2>Repliken zu <em>Streit<\/em>-Raum 1<\/h2>\n\t<\/article>\n<\/section>\n\n\n<section class=\"textblock \">\n\t<article class=\"\">\n\t\t<div>\n\t\t\t<p><strong>Die Herausgeberin und die Herausgeber freuen sich \u00fcber das rege Interesse am <em>Streit-<\/em>Raum zur Zukunft des Theologiestudiums, zu der sich nun unterschiedliche Stimmen ge\u00e4u\u00dfert haben. Wir danken f\u00fcr die Zusendungen der vielf\u00e4ltigen Repliken und weisen darauf hin, dass wir s\u00e4mtliche bis zum 30. November 2024 eingegangene Repliken in ihrer jeweiligen Fassung unver\u00e4ndert ver\u00f6ffentlichen. Alle Beitr\u00e4ge bilden allein die Meinung ihrer Autor:innen ab.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n\t\t<\/div>\n\t<\/article>\n<\/section>\n\n\n\n<section class=\"submenu\">\n\t<article>\n\t\t<h2><\/h2>\n\t\t <ul class=\"submenu-list\">\n\t\t\t\t\t\t   <li><a class=\"scroll\" href=\"#Apsel\">Reformbed\u00fcrftigkeit des Theologiestudiums (Benjamin Apsel)<\/a><\/li>\n\t\t \t\t\t\t   <li><a class=\"scroll\" href=\"#Bauhaus\">Mut zur Ehrlichkeit (Philipp Bauhaus)<\/a><\/li>\n\t\t \t\t\t\t   <li><a class=\"scroll\" href=\"#Berk\">Der Reformprozess \u2013 eine Revision (Mareike Berk)<\/a><\/li>\n\t\t \t\t\t\t   <li><a class=\"scroll\" href=\"#Boomgaarden\">Es geht ums Ganze der Theologie (J\u00fcrgen Boomgaarden)<\/a><\/li>\n\t\t \t\t\t\t   <li><a class=\"scroll\" href=\"#Dornbusch\">Mut zum Realit\u00e4tscheck (Aneke Dornbusch)<\/a><\/li>\n\t\t \t\t\t\t   <li><a class=\"scroll\" href=\"#Fehige\">Um der Demokratie willen (Yiftach Fehige)<\/a><\/li>\n\t\t \t\t\t\t   <li><a class=\"scroll\" href=\"#Kirchner\">Die Hoffnung auf Gottes Reich, neu betrachtet (Dankwart Kirchner)<\/a><\/li>\n\t\t \t\t\t\t   <li><a class=\"scroll\" href=\"#Koch\">Theologie studieren zu welchem Beruf? (Stefan Koch)<\/a><\/li>\n\t\t \t\t\t\t   <li><a class=\"scroll\" href=\"#Ohlenbusch\">Gr\u00fc\u00dfe aus dem Vorgarten (Frederik Ohlenbusch)<\/a><\/li>\n\t\t \t\t\t\t   <li><a class=\"scroll\" href=\"#Osth\u00f6vener\">Gegenwartstheologie (Claus-Dieter Osth\u00f6vener)<\/a><\/li>\n\t\t \t\t\t\t   <li><a class=\"scroll\" href=\"#Pohl-Patalong\">Das Theologiestudium von seinen Inhalten her denken (Uta Pohl-Patalong)<\/a><\/li>\n\t\t \t\t\t\t   <li><a class=\"scroll\" href=\"#Steigerwald\">Kommunikation des Evangeliums als Gegenstand der Theologie (Daniel Steigerwald)<\/a><\/li>\n\t\t \t\t\t\t   <li><a class=\"scroll\" href=\"#Wisse\">Den Wahrheitsbezug der christlichen Theologie neu entdecken (Maarten Wisse)<\/a><\/li>\n\t\t \t\t <\/ul>\n\t<\/article>\n<\/section>\n\n\n<section class=\"anchor\">\n\t<article>\t\n\t\t<a id=\"Apsel\"  tabindex=\"-1\"><\/a>\n\t\t<h2>Reformbed\u00fcrftigkeit des Theologiestudiums (Benjamin Apsel, Inspektor des Theologischen Stifts der Georg-August-Universit\u00e4t G\u00f6ttingen)<\/h2>\n\t<\/article>\n<\/section>\n\n\n<section class=\"textblock \">\n\t<article class=\"\">\n\t\t<div>\n\t\t\t<p>Die Debatte zur Reform des Theologiestudiums ist von vielen \u00c4ngsten bestimmt. Die gr\u00f6\u00dfte Angst wird dabei ausgel\u00f6st durch den st\u00e4rker werdenden R\u00fcckgang der Studierendenzahlen. Immer weniger junge Menschen entscheiden sich f\u00fcr das Theologiestudium, ob auf Lehramt oder Pfarramt. Der R\u00fcckgang ist in letzterem deutlich dramatischer und hat zwei entscheidende Konsequenzen: Erstens ist in allen Landeskirchen der Mangel an Pfarrpersonen schon jetzt sp\u00fcrbar. Zweitens erh\u00f6ht der R\u00fcckgang der Studierenden den Druck auf die Theologischen Fakult\u00e4ten, deren Anzahl und deren Ausstattung dadurch angefragt werden. Allerdings kann keine Studienreform diesen Trend umkehren, sondern allenfalls minimal verlangsamen. Denn der R\u00fcckgang der Studierendenzahlen hat unterschiedliche Ursachen: die voranschreitende S\u00e4kularisierung unserer Gesellschaft, der damit einhergehende Mitgliederschwund der Kirche sowie der gesellschaftliche Reputationsverlust des pfarramtlichen Amtes, um nur einige zentrale Gr\u00fcnde zu nennen. Eine Reform des Studiums wird daher nicht reichen, den Trend umzukehren. Gleichwohl sollte uns das nicht an den dringend ben\u00f6tigten Reformen hindern. Vielmehr ist dabei m.\u00a0E. die <em>Studierbarkeit<\/em> des Magister Theologiae ins Zentrum zu r\u00fccken. Daraus ergeben sich Folgen f\u00fcr die drei Themenfelder, die im Streit-Raum er\u00f6ffnet wurden.<\/p>\n<p><em>1. Der Kern des Studiums und seine didaktische Vermittlung<\/em><\/p>\n<p>Ist es die Aufgabe der Theologie, Studierende zu Expert*innen des evangelischen Christentums zu bilden, sie in ihrer theologischen Existenz zu st\u00e4rken und reflexive, und das hei\u00dft selbstkritische Positionierungen zu den Gehalten, Traditionen und Formen des Christentums zu erm\u00f6glichen, so stellt sich die Frage, ob die gegenw\u00e4rtige Struktur des Studiums dies ausreichend erm\u00f6glicht. Denn in all diesen Bestimmungen geht es um eine <em>gesamttheologische Existenz<\/em>, um <em>gesamttheologische Sprachf\u00e4higkeit<\/em>, nicht um eine rein kirchengeschichtliche oder rein exegetische. Die fachlich wie zeitlich voneinander getrennte Vermittlung der verschiedenen Hauptf\u00e4cher erf\u00fcllt die benannte Aufgabe der Theologie jedenfalls nicht. Gerade in der sog. Integrationsphase, der Abschlussphase des Studiums, die eben ein solches gesamttheologisches Verstehen und Sprechen bef\u00f6rdern soll, werden die Studierenden sich selbst \u00fcberlassen, lediglich flankiert mit Repetitorien der einzelnen F\u00e4cher. Und die interdisziplin\u00e4ren Veranstaltungen im Studium sind nicht selten eine in zwei Fach-H\u00e4lften getrennte Veranstaltung. Wie soll hier eine gesamttheologische Existenz gef\u00f6rdert werden? Wie sollen die Bedeutungen der Erkenntnisse einer Disziplin f\u00fcr die anderen sichtbar werden? Eine Reform des Theologiestudiums sollte hier dringend ansetzen und den interdisziplin\u00e4ren Charakter des Studiums ausbauen.<\/p>\n<p><em>2. Einf\u00fchrung eines BA\/MA<\/em><\/p>\n<p>Die Studienstruktur eines BA\/MA kann eine solche interdisziplin\u00e4re Vermittlung der Theologie leisten. Konkrete Umsetzungen deutet das Reformpapier der Gemischten Kommission bereits an, indem es vorschl\u00e4gt, Module einzurichten, in welchen anhand eines feststehenden Themas die verschiedenen Dimensionen der Theologie (historische, systematische und praxisbezogene) durch die verschiedenen F\u00e4cher repr\u00e4sentiert und unterrichtet werden. Gleichzeitig setzt allein der Vorschlag, den Magister Theologiae in einen BA\/MA zu reformieren, starke \u00c4ngste frei. Zentral ist die Angst um das Bildungsniveau unter den Pfarrpersonen, welches durch eine solche Reform massiv abgesenkt werden w\u00fcrde, wie es z.B. Thomas Kaufmann in seinem Beitrag bef\u00fcrchtet. Diese Angst ist nicht neu und hat bereits die Einf\u00fchrung eines sog. Masterprogramms f\u00fcr Sp\u00e4tberufene begleitet. Wieso das eine aus dem anderen notwendig folgt, erschlie\u00dft sich mir allerdings nicht. Allein der Blick in die protestantischen Theologien anderer europ\u00e4ischer L\u00e4nder widerlegt, dass ein BA\/MA aus der Theologie ein Fach ohne Substanz werden l\u00e4sst. Jedenfalls ist dieses Modell die Regel und der deutsche Magister Theologiae die Ausnahme.<\/p>\n<p>Neben dem inhaltlichen Ertrag w\u00fcrde ein BA\/MA auch die Studierbarkeit deutlich erh\u00f6hen. Denn anders als Joachim Kunstmann glaube ich nicht, dass in einem solchen Studiengang die Anzahl der Pr\u00fcfungen abschrecken wird. Das Gegenteil ist der Fall: Die aktuell zahlreichen Pr\u00fcfungsleistungen innerhalb des Studiums, die f\u00fcr den Gesamtabschluss ohne jede Relevanz sind, erh\u00f6hen vielmehr den Frust w\u00e4hrend des Studiums und den Druck w\u00e4hrend des Abschlusses.<\/p>\n<p><em>3. Die Sprachen im Theologiestudium<\/em><\/p>\n<p>Bei der Frage, welchen Stellenwart die Sprachen im Studium behalten sollen, sollte leitend sein, wie sie zur Aufgabe der Theologie beitragen. Dabei scheint Konsens zu sein, dass die theologische Aufgabe wesentlich eine hermeneutische ist, dass der Gegenstand der Theologie sprachlich verfasst ist. Theologische Kompetenz bedeutet daher wesentlich, die zentralen Zeugnisse des Christentums erschlie\u00dfen zu k\u00f6nnen. F\u00fcr das Studium ist es daher m.\u00a0E. ausreichend, neben dem Hebr\u00e4ischen biblisches Griechisch verpflichtend zu unterrichten. Die bereits anvisierte Verzahnung mit den jeweiligen F\u00e4chern in der Studieneingangsphase ist dabei weiter auszubauen. Teil der Ausbildung eines eigenen Zugangs zu den Quellentexten sollte auch sein, den Umgang mit bestehenden (digitalen) Hilfsmitteln und bereits von Expert*innen angefertigten \u00dcbersetzungen zu st\u00e4rken. Es ist weder n\u00f6tig noch zielf\u00fchrend, jeden Text allein zu \u00fcbersetzen.<\/p>\n<p>Die hermeneutische Aufgabe endet aber nicht in der Erschlie\u00dfung zentraler historischer Quellentexte. Es reicht nicht nur Zugang zu unserer Familiengeschichte zu haben, wie Thomas Kaufmann fordert, wir brauchen auch einen Zugang zu den unterschiedlichen Sprachen unserer vielf\u00e4ltigen Geschwister. Denn bei einem wachsenden und diverser werdenden weltweiten Christentum nur die eigene (Sprach-)Geschichte im Blick zu haben, reicht jedenfalls nicht aus, um Expert*in des evangelischen Christentums zu werden.<\/p>\n\t\t<\/div>\n\t<\/article>\n<\/section>\n\n\n<section class=\"anchor\">\n\t<article>\t\n\t\t<a id=\"Bauhaus\"  tabindex=\"-1\"><\/a>\n\t\t<h2>Mut zur Ehrlichkeit (Philipp Bauhaus, Vikar, K\u00f6ln)<\/h2>\n\t<\/article>\n<\/section>\n\n\n<section class=\"textblock \">\n\t<article class=\"\">\n\t\t<div>\n\t\t\t<p>Als Vikar habe ich die Debatte um die Reform des Theologiestudiums mit Interesse verfolgt. Die Zeit scheint zu Reformen zu dr\u00e4ngen. Aus diesem Grund sind nun in kurzer Zeit bereits mehrere Meinungsforen (Herder Korrespondenz, Theologische Beitr\u00e4ge) zu diesem Thema erschienen. In der Debatte f\u00e4llt auf, dass sie vor allem von Lehrenden gef\u00fchrt wird, w\u00e4hrend die Stimmen der Studierenden selten erscheinen. Bei allen Repliken und vor allem in Bezug auf die Sprachen beobachte ich in der Debatte daher blinde Flecken und fehlenden Mut zur Ehrlichkeit \u00fcber die wirklich gelebte Praxis im Studium.<\/p>\n<p><em>1. Was ist des Studiums Kern? <\/em><\/p>\n<p>Die Theologischen Fakult\u00e4ten sitzen im gleichen Boot wie die Kirchen: Nachwuchs bleibt aus. Der Teil der Bev\u00f6lkerung, der sich noch f\u00fcr Religion und Theologie in dem Ma\u00dfe interessiert, dass auch ein Theologiestudium angestrebt wird, wird zunehmend kleiner. Theologie studieren insbesondere Menschen, die bereits zuvor einen Sinn und Geschmack f\u00fcr das Religi\u00f6se entwickelt haben. Die Fakult\u00e4ten waren und sind daher schon immer auf die Vorarbeiten von anderen Akteuren innerhalb der Kirchen(gemeinden) und des Religionsunterrichts angewiesen. Da all diese Akteure von einem sinkenden Interesse betroffen sind, sollte eine st\u00e4rkere Vernetzung erfolgen, denn die Diskussion um die Zukunft des Theologiestudiums h\u00e4ngt eng mit der Diskussion um die evangelische Kirche und der Zukunft des Religionsunterrichts zusammen.<\/p>\n<p>H\u00e4ufig ist f\u00fcr die Aufnahme des Studiums der Wunsch ausschlaggebend, sich vertieft mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des christlichen Glaubens zu besch\u00e4ftigen, um ihn sp\u00e4ter in verantwortlicher Position im kirchlichen oder schulischen Kontext leben und weitergeben zu k\u00f6nnen. Eine (noch) tiefergehende Verschr\u00e4nkung von Lehre und Praxis w\u00e4re daher w\u00fcnschenswert und k\u00f6nnte an manchen Punkten ein Gewinn f\u00fcr das Studium sein, indem zum Beispiel die erste und zweite Ausbildungsphase direkter und sinnvoller miteinander verbunden werden. So k\u00f6nnte man Homiletik in der Gemeinde erproben oder Religionsp\u00e4dagogik analog zu den Studierenden im Lehramt in einem Praxissemester vertiefen. Mehr Praxis muss nicht automatisch etwas Schlechtes f\u00fcr das Erlernen der Theorie bedeuten. Im Gegenteil w\u00e4re dies ein Gewinn, da des Studiums Kern das Reflektieren der christlichen Praxis darstellt.<\/p>\n<p><em>2. Wie h\u00e4ltst du es mit den Sprachen?<\/em><\/p>\n<p>Der Beantwortung dieser Frage w\u00fcrde mehr Mut zur Ehrlichkeit guttun. Die Debatte kreist um die immer gleichen Argumente, wobei auf die gelebte Praxis im Studium nur selten geschaut wird. So ist es nicht un\u00fcblich, dass man nach dem Erwerb der Sprachen sehr gut durch das Studium kommen kann, ohne die Sprachen in eben diesem bis zum Examen nochmal vertieft zu gebrauchen. Dies f\u00fchrt immer wieder dazu, dass am Ende f\u00fcr die Klausuren und die m\u00fcndlichen Pr\u00fcfungen die Sprachen erneut gelernt werden m\u00fcssen. Nat\u00fcrlich kann man an dieser Stelle die Schuld auf Seiten der Studierenden sehen. Der Umstand, dass man in der Regel vertieftes Sprachwissen nur ganz am Anfang und ganz am Ende des Studiums ben\u00f6tigt, zeigt allerdings auf, dass die Bedeutung der Sprachen im tats\u00e4chlichen Lehrbetrieb nicht so hoch ist, wie es in manchen Debattenbeitr\u00e4gen erscheint. Wenn der Erwerb der Sprachen eine so hohe Bedeutung hat, wie ihm zugeschrieben wird, sollte sich dies auch im tats\u00e4chlichen Lehrbetrieb st\u00e4rker widerspiegeln. Der aktuelle Gebrauch im Lehrbetrieb zeigt jedoch, dass es bei den Sprachf\u00e4higkeiten vor allem auf die biblischen Texte ankommt, so dass das geforderte Sprachniveau guten Gewissens auf das biblische Griechisch beschr\u00e4nkt werden kann. Auch Latein m\u00fcsste im Studium in einem viel st\u00e4rkeren Ma\u00df als heute in den Seminaren genutzt werden, damit das einj\u00e4hrige Lernen daf\u00fcr nicht nur Studienvoraussetzung, sondern auch im Studium danach ein fester Bestandteil ist. In der heutigen Realit\u00e4t des Studiums wird Latein kaum gebraucht und ist somit f\u00fcr viele vor allem eine Formalie ohne Mehrwert in ihrem Theologiestudium. In der aktuellen Debatte w\u00e4re es daher ehrlich darauf hinzuweisen, dass die geforderte Sprachenreform in den allermeisten F\u00e4llen bereits heute die gelebte Realit\u00e4t ist. Es w\u00e4re also kein Verlust, wenn sich dies auch im Zuge der Studienanforderungen niederschreiben w\u00fcrde. An dem tats\u00e4chlich erlebten Lehrbetrieb nach dem Erwerb der Sprachen m\u00fcsste\/w\u00fcrde sich n\u00e4mlich so gut wie nichts ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p><em>3. Wie h\u00e4ltst Du\u2019s mit BA\/MA?<\/em><\/p>\n<p>Das Examensmodell bietet den Vorteil, dass sich ganz am Ende des Studiums viele Bausteine, die man im Studium erlernt hat, zu einem Ganzen zusammenf\u00fcgen. Dies ist sehr gewinnbringend und bietet den gro\u00dfen Vorteil dieses Abschlusses. Meine Erfahrung zeigt jedoch auch, dass die mittlerweile eingef\u00fchrten Master f\u00fcr Quereinsteiger kein Qualit\u00e4tsverlust bedeuten. Im Gegenteil werden durch sie neue Perspektiven eingebracht, die dem eingeschr\u00e4nkten Milieu, aus dem sich der Examensstudiengang rekrutiert, bislang fehlen und daher dem Studium guttun. Mehr Perspektiven und andere Hintergr\u00fcnde sind f\u00fcr eine zeitgem\u00e4\u00dfe Theologie und Kirche dringend notwendig, so dass eine Flexibilisierung des Studiums zu begr\u00fc\u00dfen ist, weil Theologische Fakult\u00e4ten und Kirchen mit einer Reform mehr gewinnen als verlieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\t\t<\/div>\n\t<\/article>\n<\/section>\n\n\n<section class=\"anchor\">\n\t<article>\t\n\t\t<a id=\"Berk\"  tabindex=\"-1\"><\/a>\n\t\t<h2>Der Reformprozess \u2013 eine Revision (Mareike Berk, Theologiestudentin und ehemaliges GK1-Mitglied, Marburg)<\/h2>\n\t<\/article>\n<\/section>\n\n\n<section class=\"textblock \">\n\t<article class=\"\">\n\t\t<div>\n\t\t\t<p><em>Zur Lage<\/em><\/p>\n<p>Der Prozess zur Reform des Theologiestudiums ist ein von Machtstrukturen durchzogener Vorgang. Die Erfahrungen, die ich bei Versuchen, mich als Studierende in diesen Prozess einzubringen, gemacht habe, waren allesamt entt\u00e4uschend. Die Frage nach der Meinung der Studierenden ist immer wieder gro\u00df. Gleichzeitig wurden zu prozessentscheidenden Veranstaltungen wie dem Think Tank im April 2024 zu einer \u00dcbermacht von Professor*innen nur einige Studierende eingeladen.<\/p>\n<p>H\u00e4ufig habe ich in den Diskussionen den gleichen Ablauf erlebt: Das Professorium streitet wieder und wieder \u00fcber die gleichen Punkte. Wenn die Diskussion dann komplett unbeweglich geworden ist, wirft irgendeiner die Frage nach den Studierenden in den Raum. Die k\u00f6nnten ja schlie\u00dflich auch &#8222;Mal&#8220; was dazu beitragen. Tats\u00e4chlich wurde die Meinung der Studierenden nur in den wenigsten F\u00e4llen inhaltlich aufgenommen. Viel h\u00e4ufiger wurde danach einfach am vorherigen Punkt weitergemacht. Auf schriftliche Anmerkungen bekam ich selbst als Mitglied der GK I nicht einmal eine Eingangsbest\u00e4tigung.<\/p>\n<p>Wie viel Hoffnung darf ich also haben, dass mein Text auf einer Plattform erscheint, die von vier Professor*innen redigiert wird? Was darf ich mich hier trauen zu sagen, wenn ich zu einem dieser Professoren auch noch in direkter Abh\u00e4ngigkeit stehe?<\/p>\n<p><em>Zum Kern<\/em><\/p>\n<p>Allein die Annahme, es g\u00e4be den einen Kern ist inkonsequent dem Studium gegen\u00fcber. Wir lernen nicht DIE eine Sache. So ist das Fach schlie\u00dflich gar nicht angelegt.<\/p>\n<p>Die Frage nach dem Kern erscheint wie eine Frage nach dem Sinn. Und die Antwort darauf ist in jedem Fall Teil des Theologiestudiums: Kontingenzbew\u00e4ltigung, statt weiter nach der Antwort suchen.<\/p>\n<p><em>Zu den Sprachen<\/em><\/p>\n<p>Ich habe mehrst\u00fcndige Diskussionen erlebt, bei denen es um das Studium an sich gehen sollte und es dann NUR um die Sprachen ging.<\/p>\n<p>Allen ist klar, dass drei alte Sprachen einen unattraktiven Start ins Studium darstellen. Aber irgendwie kann sich auch niemand von ihnen trennen.<\/p>\n<p>Die Art und Weise, wie Professor*innen bei diesem Thema versonnen in die Ferne schauen und dar\u00fcber reden, wie das bei ihnen damals war, und dass die Freundschaften aus dem Griechischkurs das ganze Studium \u00fcberdauert haben, die Verkl\u00e4rung der Vergangenheit, die damit zusammenh\u00e4ngt, das Wissen darum, dass viele von ihnen damals bestimmt auch f\u00fcr die Abschaffung gewesen w\u00e4ren, all das f\u00fchrt mich immer wieder zu der Annahme, dass der Grund, warum diese Frage so stark diskutiert wird, ist, dass es sich um eine kollektive Traumaerfahrung handelt. Und im Trauma will man dann nicht allein sein. Alle m\u00fcssen das Gleiche erleiden, damit sie f\u00fchlen k\u00f6nnen, wie schlimm es ist und anschlie\u00dfend wird dar\u00fcber immer erstaunlich verkl\u00e4rt und ohne Bezug zum Leben berichtet.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte wirklich nicht bestreiten, dass einen die Sprachen und der damit vertiefte Einblick in biblische Texte theologisch weiterbringen. Hat er mich sicherlich auch. Aber in unserer theologisch-pluralen Gegenwart gibt es SO VIEL, was uns inhaltlich weiterbringen kann. Zum Beispiel eine Traumafortbildung machen und dadurch die von Trauma gezeichneten Texte der Bibel besser verstehen k\u00f6nnen, Spanisch lernen, um die Texte von Theolog*innen wie Ivone Gebara im Original lesen zu k\u00f6nnen oder Zeit investieren, um sich mit gesellschaftspolitischen Debatten zu besch\u00e4ftigen und diese theologisch zu reflektieren, um sich nicht nur in der Welt von gestern, sondern auch in der von heute zurecht zu finden. Alte Sprachen sind nur EINE von unendlich vielen theologischen Kompetenzen. Warum sollen wir alle dieselbe lernen? Ich w\u00fcnsche mir ein Studium mit Zeit und Raum, um zu erkunden, zu finden und weiter zu suchen.<\/p>\n<p><em>Zu Bachelor\/Master<\/em><\/p>\n<p>Dass auf inhaltliche Fragen immer wieder mit strukturellen \u00dcberlegungen geantwortet wird, ist haupts\u00e4chlich eine Ablenkungsstrategie.<\/p>\n<p>Wie wenig manche Professor*innen von der Studierendenwirklichkeit in den aktuellen Systemen verstanden haben, zeigte sich besonders beim Think Tank. Der eine wichtige Grund gegen die Umstellung auf BA\/MA war f\u00fcr Vertreter*innen des Magisters, dass durch unterschiedliche Regelungen der Unis der Studiengang sonst ja gar nicht mehr \u00fcberall gleich w\u00e4re. News Flash: Das ist er auch jetzt schon nicht.<\/p>\n<p>Das andere beliebte Argument ist, dass die Freiheit im Studium dadurch verloren gehe, dass im Bachelor\/Master alles ganz b\u00f6se modularisiert wird. News Flash: Das Studium ist an den meisten Standorten schon vollst\u00e4ndig modularisiert. F\u00fcr alle, die es noch nicht verstanden haben: Modularisiert bedeutet, dass wir Modulabschlusspr\u00fcfungen machen, deren Noten dann f\u00fcrs Examen keine Bedeutung mehr haben. Statt zus\u00e4tzlich, zu diesen Pr\u00fcfungen, eine Abschlussarbeit zu schreiben, h\u00e4ngt dann am Ende des Studiums alles am Examen und wer es bis dahin nicht schafft, steht nach 5 Jahren Studium ohne Abschluss da. Dass diese Absurdit\u00e4t bei einer Umstellung auf Bachelor\/Master wegfallen w\u00fcrde, f\u00fchlt sich f\u00fcr mich ehrlich gesagt nach sehr viel Freiheit an!<\/p>\n<p>Die Frage sollte aber auch gar nicht sein, welches Studienmodel das bessere ist. Wir k\u00f6nnen doch die Frage offenlegen, um die es geht: Wie erreichen wir \u00fcberhaupt wieder gesellschaftliche Relevanz, damit unsere Fachbereiche\/Fakult\u00e4ten nicht in 10 Jahren dicht gemacht werden? Das kann ich auf 6.000 Zeichen nicht beantworten. Was ich aber an diesem Prozess beobachten kann, ist, dass das Professorium sich verzettelt. Wenn es mal zu einem Gespr\u00e4ch \u00fcber Inhalte kommt, welches lange genug l\u00e4uft, um die Sprachen wegzulegen, dann ist der n\u00e4chste Streitpunkt, welches Fach am unverzichtbarsten ist.<\/p>\n<p><em>Was wollen wir also von der Reform?<\/em><\/p>\n<p>Vielleicht fangen wir mit den Basics an: Machtkritik, echte Partizipation, gesellschaftliche Themen und Kompetenzen in den Fokus nehmen, weg vom Schreibstuben-Image. Wir beschweren uns, dass wir an den Rand der Gesellschaft r\u00fccken. News Flash: Daran sind wir selber schuld. Aktuelle Themen werden selten auf Altgriechisch diskutiert.<\/p>\n\t\t<\/div>\n\t<\/article>\n<\/section>\n\n\n<section class=\"anchor\">\n\t<article>\t\n\t\t<a id=\"Boomgaarden\"  tabindex=\"-1\"><\/a>\n\t\t<h2>Es geht ums Ganze der Theologie (J\u00fcrgen Boomgaarden, Professor f\u00fcr Systematische Theologie, Koblenz)<\/h2>\n\t<\/article>\n<\/section>\n\n\n<section class=\"textblock \">\n\t<article class=\"\">\n\t\t<div>\n\t\t\t<p><em>Was ist des Studiums Kern?<\/em><\/p>\n<p>Vielen Lesern ist sicher Luthers sch\u00f6ne Empfehlung bekannt, dass man schwierige biblische Texte gleich einer Nuss gegen einen Felsen werfen soll, um sodann den s\u00fc\u00dfesten Kern zu erhalten (Psalmenglossen 1513\/15). Der Fels ist Christus. Das Studium ist so eine intensive Wurf\u00fcbung, bei der das Wurfziel nicht von vornherein deutlich vor Augen steht, sondern sich erst bei intensivem Werfen zu erkennen gibt. Nicht nur biblische, sondern auch andere Texte, moderne Fragen und Probleme aller Art werden auf Christus geworfen in der Hoffnung, dass ein s\u00fc\u00dfer christlicher L\u00f6sungskern sich zeigen wird. Wenn Studierende solche s\u00fc\u00dfen Kerne dann mit in ihren theologischen Beruf nehmen k\u00f6nnen, sich weiter im Werfen \u00fcben und andere darin anleiten, ist das Studium gegl\u00fcckt.<\/p>\n<p>Auch uns Lehrenden bleiben Fehlw\u00fcrfe nicht erspart. Einmal vermeintlich getroffen, k\u00f6nnte der gleiche Wurf sp\u00e4ter nochmal ausgef\u00fchrt v\u00f6llig vorbeigehen. Wir alle stehen in der Gefahr, eine Wurftechnik zu konservieren, die f\u00fcr unser zur\u00fcckliegendes Studium sehr erfolgreich war, aber inzwischen nicht mehr zum Ziel weist. Die Wurftechnik muss genau auf die M\u00f6glichkeiten und F\u00e4higkeiten des Aus\u00fcbenden angepasst sein, sie muss das gesellschaftliche Gel\u00e4nde miteinkalkulieren. In einer Welt, in der klassische Bildung Achtung hervorrief, in einer Gesellschaft, in der die Universit\u00e4t ein Tempel des Geistes war, konnte das Christentum nur \u00fcberzeugen, wenn es Kanzel und Katheder dem im klassischen Sinn Gelehrten reservierte. Im beginnenden 21. Jahrhundert haben sich Gesellschaft und Universit\u00e4t gewandelt. Aus dem Tempel des Geistes, zu dem die Gesellschaft aufschaute, ist ein Dienstleister f\u00fcr die Gesellschaft geworden, der Wissen liefern soll. Statt klassischer Bildung ist Expertise gefragt, die unmittelbar in die Gesellschaft eingespeist werden kann.<\/p>\n<p><em>Theologisches Studium heute<\/em><\/p>\n<p>Die Theologie ist von diesen Entwicklungen in besonderer Weise betroffen, weil ihr Gegenstand im Unterschied zu anderen Disziplinen nicht unmittelbar einsichtig zu machen ist. Wissenschaftliche Theologie ist f\u00fcr die Gesellschaft weithin eine contradictio in adiecto. Sich angesichts des gesellschaftlichen Umfelds auf ein Studium der Theologie einzulassen, ist heute eine sehr mutige Entscheidung. Das BA\/MA-System erleichtert diesen Schritt, wenn Studierende durch den fortschreitenden Erwerb ihrer Endnote schon fr\u00fch eine relevante Anerkennung ihrer Leistungen erfahren. Die Verschulung des Studiengangs kann Lehrende wie Lernende dazu anhalten, die Notwendigkeit von Wissensinhalten f\u00fcr das theologische Selbstverst\u00e4ndnis \u2013 und nicht zuletzt f\u00fcr den sp\u00e4teren Beruf \u2013 einer fortdauernden Pr\u00fcfung zu unterziehen.<\/p>\n<p>Hatte das Studium noch vor einiger Zeit seinen guten Sinn darin, in innerakademische Diskurse einzuf\u00fchren \u2013 in der Hoffnung, dass die Studierenden f\u00fcr ihre sp\u00e4teren Praxis daraus sch\u00f6pfen k\u00f6nnen \u2013, so kann dieser Ansatz die meisten Studierenden heute nicht mehr \u00fcberzeugen. Innerakademische Diskurse \u2013 in den Geisteswissenschaften \u2013 werden nicht mehr als Weg zum heiligen Gral der Wahrheit geachtet, sondern sind in der gesellschaftlichen Wahrnehmung eher eine Spielwiese f\u00fcr Nerds. Denkw\u00fcrdige Themen sind heute mit der gegenw\u00e4rtigen gesellschaftlichen Praxis, mit ihren Problemen und ihrer \u00c4sthetik zu verkn\u00fcpfen.<\/p>\n<p><em>Es geht ums Ganze der Theologie<\/em><\/p>\n<p>Sicher w\u00e4re die Theologie angesichts dieser ver\u00e4nderten Gegenwartslage schlecht beraten, jedem aktuellen Thema hinterherzurennen und es mit einem s\u00fc\u00dfen \u00dcberguss \u2013 Frieden, Liebe, Bewahrung der Sch\u00f6pfung etc. \u2013 zu verzieren. Er ist meistens unn\u00f6tig und bl\u00e4ttert schnell ab. Die Theologie muss an den s\u00fc\u00dfen Kern des Ganzen. Den freizulegen wird ihr nur mit vereinten Kr\u00e4ften gelingen. Damit komme ich zu dem in meinen Augen eigentlichen Reformbedarf des Theologiestudiums. Die mangelnde Attraktivit\u00e4t des Theologiestudiums ist auch einer anhaltenden inneren Schw\u00e4che der Theologie geschuldet.<\/p>\n<p>Die Differenzierung in die theologischen Disziplinen ist zur Aufspaltung verkommen. In fr\u00fcheren Zeiten stand das Ganze der Theologie kaum in Frage und es war geboten, ihre innere Differenziertheit zu f\u00f6rdern. Heute geht es um das Ganze, das wir Lehrenden in unseren spezialisierten Forschungen selbst kaum noch wahrnehmen. Aber wie sollen dann Studierende \u2013 in der Examensvorbereitung?! \u2013 die einzelnen Disziplinen zu einem in sich notwendigen Ganzen zusammenf\u00fcgen k\u00f6nnen, wenn es nicht schon im Studium Gestalt angenommen hat? Wir brauchen im Studium exegetische Veranstaltungen mit intensiver dogmatischer Besinnung, Veranstaltungen systematischer Theologie mit praktisch-theologischem Tiefgang usw. Solche Verschr\u00e4nkungen werden in Lehrkooperationen hier und dort schon verwirklicht, aber m\u00fcssen in der Breite geschehen. Wie daf\u00fcr organisatorische Weichen im Aufbau des Studiums gestellt werden k\u00f6nnen, w\u00e4re des Nachdenkens wert.<\/p>\n<p>Mir scheint die breite traditionelle Sprachenausbildung f\u00fcr die gegenw\u00e4rtigen Erfordernisse der Theologie zu viel Lernzeit zu binden. Sie sollte k\u00fcrzer sein. Statt einen Urtext fl\u00fcssig zu \u00fcbersetzen, halte ich es f\u00fcr wichtiger, dass ein Studierender z.B. das Thema der Sch\u00f6pfung in seinem exegetisch-kirchengeschichtlich-systematisch-praktischen \u2013 und damit theologischen \u2013 Zusammenhang fundiert darlegen kann.<\/p>\n<p>Die fachlichen Verschr\u00e4nkungen sind nicht nur um der Studierenden willen notwendig, damit ihnen das Studium nicht in lauter particulae veri zerf\u00e4llt, sondern um der Wahrheit der Theologie willen. Wenn Theologen die h\u00f6chst anfechtbare Aussage wagen wollen, dass Gottes Liebe in dieser Welt hier und heute pr\u00e4sent ist, dann m\u00fcssen sie stringent und mit historischem Bewusstsein von dem gegenw\u00e4rtigen Christus reden k\u00f6nnen, der in Jesus von Nazareth zu identifizieren ist und dessen Person und Botschaft nur im Horizont der ganzen Bibel recht verstanden wird. So bekommt man den richtigen Schwung in den theologischen Gedankenwurf und erh\u00e4lt christliche Kerne, die aktuell in ihrer Zeit sind, ohne ihr zu verfallen.<\/p>\n\t\t<\/div>\n\t<\/article>\n<\/section>\n\n\n<section class=\"anchor\">\n\t<article>\t\n\t\t<a id=\"Dornbusch\"  tabindex=\"-1\"><\/a>\n\t\t<h2>Mut zum Realit\u00e4tscheck (Aneke Dornbusch, Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Kirchengeschichte, Bonn)<\/h2>\n\t<\/article>\n<\/section>\n\n\n<section class=\"textblock \">\n\t<article class=\"\">\n\t\t<div>\n\t\t\t<p>Die bisherigen Beitr\u00e4ge im Streit-Raum haben die Vielstimmigkeit der aktuellen Reformdebatte aufgezeigt. Ich m\u00f6chte dazu die Stimme einer \u201eNachwuchswissenschaftlerin\u201c erg\u00e4nzen und habe f\u00fcr meinen Beitrag daneben mit vielen ehemaligen Kommiliton:innen R\u00fccksprache gehalten, die im Mag. Theol. studiert haben und heute im Pfarrdienst t\u00e4tig sind.<\/p>\n<p>Die aktuelle Debatte wird bis jetzt vor allem auf struktureller Ebene gef\u00fchrt. Es geht um Pr\u00fcfungsformen, Sprachvoraussetzungen und Abschl\u00fcsse. Dahinter steht die (sehr fragliche) Vorstellung, dass strukturelle Reformen wie die Abschaffung des Examens oder die Einf\u00fchrung eines BA\/MA die Studierendenzahlen, die bekanntlich der Ausgangspunkt der Debatte sind, erh\u00f6hen k\u00f6nnten. Wenig in den Blick genommen wurde bis jetzt die Frage, ob wir das Theologiestudium selbst \u2013 unabh\u00e4ngig von der Zahl der Studierenden \u2013 noch f\u00fcr inhaltlich angemessen, zeitgem\u00e4\u00df und didaktisch sinnvoll halten.<\/p>\n<p>Dies f\u00fchrt direkt zu der Frage, was wir als Kern des Theologiestudiums verstehen. In den letzten Jahren hat sich dazu der Begriff \u201eExpert:innen des Christentums\u201c herausgebildet. Ich sehe im Substantiv \u201eExpert:in\u201c ein Problem, da es keine Aussagen \u00fcber Kompetenzen macht. Was genau sollte ein:e Expert:in k\u00f6nnen? Daneben ist auff\u00e4llig, dass aktuelle \u00dcberlegungen \u00fcber den Pfarrberuf bisher kaum in die Debatte eingeflossen sind. Wir sprechen also \u00fcber Reformen, ohne uns dar\u00fcber verst\u00e4ndigt zu haben, was genau unsere Absolvent:innen nach Ende ihres Studiums k\u00f6nnen sollen. Um hier einen Aufschlag zu machen, schlage ich spontan zwei Ziele vor: Sie k\u00f6nnen zum einen die 2000 Jahre alte christliche Tradition verstehen und vermitteln. Zum anderen k\u00f6nnen sie die christliche Botschaft in ihre Gegenwart hinein angemessen verk\u00fcndigen. Nat\u00fcrlich h\u00e4ngen beide Aspekte zusammen.<\/p>\n<p>Fragt man heutige Pfarrpersonen, so wird schnell deutlich, dass sie sich gerade in Bezug auf die zweite Kompetenz durch das Studium nicht ausreichend vorbereitet sehen. Ein Grund daf\u00fcr ist der in Deutschland zurzeit stattfindende Traditionsabbruch: Die Landeskirchen erleben einen \u00fcberraschend schnellen Bedeutungsverlust, der sich nicht nur in Mitgliederzahlen ausdr\u00fcckt, sondern auch in der schwindenden Rolle christlicher Player in der gesellschaftlichen Meinungsbildung und dem Abbruch des Grundwissens zum Christentum in breiten Teilen der Bev\u00f6lkerung. Die heutigen Studierenden kommen aus einer anderen Lebenswelt als fr\u00fchere Generationen an die Hochschule: Sprachkenntnisse, grundlegende Wissensbest\u00e4nde zum Christentum und Erfahrungen in christlicher Lebenspraxis k\u00f6nnen nicht mehr vorausgesetzt werden. Gleichzeitig entlassen wir unsere Absolvent:innen in eine Lebenswelt, in der sich die Landeskirchen in einem enormen Transformationsprozess mit offenem Ausgang befinden.<\/p>\n<p>Tragen wir dieser Tatsache Rechnung, indem wir unsere Inhalte einer kritischen Pr\u00fcfung unterziehen? M\u00fcssten wir nicht neben der historischen Dimension der klassischen F\u00e4cher verst\u00e4rkt eine Gegenwartshermeneutik ein\u00fcben und auch kritisch diskutieren, welche Inhalte aus und neben den f\u00fcnf bzw. sechs Hauptf\u00e4chern zielf\u00fchrend f\u00fcr unsere Studierenden sind?<\/p>\n<p>Vermutlich kann eine Auseinandersetzung \u00fcber Studieninhalte am besten durch eine v\u00f6llige Neukonzeption eines BA\/MA erm\u00f6glicht werden. Die viel beschworene Freiheit der Studierenden im Magister ist durch die B\u00fcrokratisierung des Studiums in der Praxis heute dahin. Wir operieren l\u00e4ngst mit Modulen und konsekutiver Pr\u00fcfungspraxis, das Abschlussexamen ist vor diesem Hintergrund kaum noch zu vermitteln.<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend zur Sprachenfrage: Wieso wollen wir unbedingt an der Struktur, das Sprachenstudium dem Fachstudium vorzulagern, festhalten? Auch in anderen Studienf\u00e4chern, in denen Sprachen eine zentrale Rolle spielen, Regionalstudien wie Skandinavistik, vergleichende Literaturwissenschaften, Arch\u00e4ologie etc., werden die Sprachen im Verlauf des Studiums gelernt und gleichzeitig bereits Fachmodule absolviert. Dass dies auch in der Theologie m\u00f6glich ist, zeigen die Lehramtsstudieng\u00e4nge, wo wir bereits jetzt ohne sprachliche Zugangsvoraussetzungen unterrichten und nat\u00fcrlich Lernerfolge erzielen. Wieso also nicht Hebr\u00e4isch und Griechisch im Verlauf des Studiums, verzahnt mit Fachlehre, erlernen, so dass die Sprachkenntnisse zum Abschluss des Studiums und damit zum Berufseintritt auf ihrem h\u00f6chsten Niveau sind?<\/p>\n<p>In Bezug auf Latein erlebe ich einen Widerspruch zwischen Idealbild und Realit\u00e4t: Nat\u00fcrlich ist Latein f\u00fcr die wissenschaftliche Besch\u00e4ftigung mit der Kirchengeschichte immens wichtig. Gleichzeitig ist die R\u00fcckmeldung aus dem Pfarramt klar: Latein spielt in der Berufspraxis dort keine Rolle. Im Ersten Examen wird Latein im Regelfall nicht mehr gepr\u00fcft, da die Studierenden \u00fcber die entsprechenden Kenntnisse einfach nicht verf\u00fcgen. Sollten wir vor diesem Hintergrund wirklich an verpflichtenden Lateinkenntnissen festhalten? Die Frage, \u201eM\u00fcssen alle alles lernen?\u201c sollte ernsthaft diskutiert werden. W\u00e4re es nicht auch f\u00fcr uns Lehrende zielf\u00fchrender, Latein w\u00e4re eine Vertiefungsm\u00f6glichkeit unter anderen, und wir k\u00f6nnten mit einer kleinen, aber wirklich interessierten Gruppe Quellenstudium betreiben? Eine so m\u00f6gliche Spezialisierung w\u00fcrde auch bei der Einl\u00f6sung des langgehegten Versprechens helfen, dass der Studiengang auch f\u00fcr andere Berufsfelder qualifiziert.<\/p>\n<p>Schon heute werden in den Landeskirchen Menschen mit diversen Bildungsbiografien ins Vikariat \u00fcbernommen oder als Pfarrverwalter:innen ausgebildet, da sie dringend gebraucht werden. Unsere Zukunft als akademische Theologie ist eng daran gebunden, ob wir plausibel machen k\u00f6nnen, dass ein Magister- bzw. BA\/MA-Studium in Theologie am besten auf das Pfarramt vorbereitet. Aktuell ist hier eine Dissonanz bei Studierenden und Absolvent:innen deutlich sp\u00fcrbar. Was ist unsere Antwort?<\/p>\n\t\t<\/div>\n\t<\/article>\n<\/section>\n\n\n<section class=\"anchor\">\n\t<article>\t\n\t\t<a id=\"Fehige\"  tabindex=\"-1\"><\/a>\n\t\t<h2>Um der Demokratie willen (Yiftach Fehige, Professor f\u00fcr Naturwissenschaft und Religion, Toronto)<\/h2>\n\t<\/article>\n<\/section>\n\n\n<section class=\"textblock \">\n\t<article class=\"\">\n\t\t<div>\n\t\t\t<p>1. \u00dcber die sozialen Medien bin ich auf den neuen \u201eStreit-Raum&#8220; gesto\u00dfen. Der Kollege Hartmut von Sass hat ihn beworben. Es ist eine gute Initiative, denke ich. Den Verantwortlichen gratuliere ich zur Idee und w\u00fcnsche dem neuen Ort zur theologischen Auseinandersetzung viel Erfolg! Das erste zu \u201ebe-streitende\u201c Thema ist die Zukunft des Evangelischen Theologiestudiums an Universit\u00e4ten in Deutschland\u2014ein wichtiges Thema. Vier Standpunkte stehen diesbez\u00fcglich im \u201eStreit-Raum&#8220; einander gegen\u00fcber. Ich bin sehr dankbar f\u00fcr die klaren Stellungnahmen von der Kollegin Eve-Marie Becker und den Kollegen Thomas Kaufmann, Joachim Kunstmann, und J\u00f6rg Lauster, und m\u00f6chte die Einladung gerne annehmen, auf sie zu reagieren.<\/p>\n<p>2. Ich selbst bin weder Evangelischer Theologe noch an einer deutschen Universit\u00e4t t\u00e4tig. In diesen Hinsichten mische ich mich von au\u00dfen ein. Ich tue dies, weil mich das Thema sehr bewegt, und zwar nicht nur, weil ich in Kanada als Theologe an einer \u00f6ffentlichen Forschungsuniversit\u00e4t wohl zu einer aussterbenden Art geh\u00f6re. Mich interessiert die Theologie als Wissenschaft und ihre sich wandelnde Stellung im Kontext der Universit\u00e4t als einer sicherlich bedeutenden Institution in heutigen demokratischen Gesellschaften.<\/p>\n<p>3. Theologie geh\u00f6rt an die Universit\u00e4t, und zwar um beider Willen. Ich begr\u00fc\u00dfe den Aufruf des Kollegen Kaufmann, sich gegen Ver\u00e4nderungen zu wehren, insofern damit einem missverstandenen S\u00e4kularisierungsdruck entgegengetreten wird. Kirchliche Hochschulen sind nicht notwendigerweise wissenschaftlich minderwertiger. Was ihnen jedoch eindeutig fehlt, ist der Austausch mit anderen Wissenschaften. Dieser Austausch bereichert auch die Universit\u00e4t und somit die \u00d6ffentlichkeit, der sie dient. Unsinnige Theologien aus anderen Disziplinen k\u00f6nnen sich ebenso wenig unkontrolliert ausbreiten wie innerhalb der theologischen Wissenschaft. Eine derartig institutionalisierte Kontrolle ist theologisch enorm wichtig, da ich die Auffassung vertrete, dass Offenbarung nicht abgeschlossen ist und sich nicht auf einen isolierten kirchlichen Bereich oder eine bestimmte religi\u00f6sen Tradition beschr\u00e4nkt. Theologie ist mehr als nur die Neuaneignung von heiligen Schriften und kirchlichen Traditionen, die bereits alles enthalten w\u00fcrden, was Gott den Menschen zu sagen hat.<\/p>\n<p>4. Kollege Kaufmann betont zu Recht die Bedeutung theologischer Vielfalt. Meines Erachtens legt dies nahe, konfessionelle und religi\u00f6se Engf\u00fchrungen zu vermeiden, insbesondere im Hinblick auf die universit\u00e4re Organisation theologischer Lehre und Forschung mit allen daraus folgenden Konsequenzen f\u00fcr das Theologiestudium. Es sollte eine einzige theologische Fakult\u00e4t an den Universit\u00e4ten geben, die multikonfessionell und multireligi\u00f6s ausgerichtet ist. Die Entscheidung der Universit\u00e4t Hamburg, zum Beispiel, die Evangelische Theologie nicht in den neuen \u201eFachbereich Religion\u201c zu integrieren, ist sicherlich eine verpasste Gelegenheit. Man kann sicherlich dar\u00fcber streiten, ob die Namensgebung des neuen Fachbereichs Religion ein Gl\u00fccksfall ist.<\/p>\n<p>5. Zum \u201eKlein-Klein&#8220; der Studienordnung m\u00f6chte ich nur Folgendes sagen: Die Sprachen sind nicht nur in der Theologie zum Diskussionsthema geworden\u2014dies ist sicherlich allen bewusst. An meinem Institut war der Nachweis sprachlicher Kompetenzen in Franz\u00f6sisch und Deutsch f\u00fcr Doktoranden Pflicht. Die Neuregelung sieht nun vor, dass Betreuer und Doktoranden gemeinsam entscheiden, welche Sprachkenntnisse f\u00fcr ein wissenschaftsgeschichtlich orientiertes Promotionsprojekt erforderlich sind. (Wissenschafts-) Philosophisch hat man sich l\u00e4ngst von Sprachanforderungen verabschiedet. Wenn \u00fcberhaupt, dann sollte Logik beherrscht werden. Wenn jedoch ein Doktorand eine Dissertation \u00fcber die Physik von Aristoteles schreiben m\u00f6chte, muss nat\u00fcrlich Klassisches Griechisch erlernt werden, falls diese Sprachkenntnis nicht vorhanden ist. Ich denke, Sprachregelungen sollten pragmatisch gehandhabt werden. Kein Theologiestudium sollte an den Sprachanforderungen scheitern. Ich beherrsche Latein, Koine-Griechisch und Hebr\u00e4isch, wie es vom Kollegen Kaufmann zur Ausbildung theologischen Urteilsverm\u00f6gens gefordert wird. Dennoch w\u00fcrde ich mir niemals anma\u00dfen, mich etwa in exegetische Fachdiskussionen mit eigenen Positionen einzubringen. Theologisches Urteilsverm\u00f6gen im wissenschaftlichen Kontext ist vielf\u00e4ltig. Au\u00dferdem sind Pfarrer und Lehrer keine \u201eProfessoren im Kleinen&#8220;. Es handelt sich um eigenst\u00e4ndige Berufe mit je eigenem Profil. Dementsprechend kann es auch nicht den einen Kern des Theologiestudiums geben.<\/p>\n<p>6. Schlie\u00dflich: Universit\u00e4ten ver\u00e4ndern sich, weil sich Gesellschaften ver\u00e4ndern. Dabei sind sie zugleich Subjekte und Objekte des Wandels. Ich sehe nicht, warum Theologie ganz anders sein und sich daher Ver\u00e4nderungen entgegenstemmen sollte. Einst war Theologie an den Universit\u00e4ten wichtig f\u00fcr den Aufbau einer Nation; Kaiser Wilhelm II. hatte seinen Adolf von Harnack. Heute sollte sich die Theologie so strukturieren und organisieren, dass sie dem gesellschaftlichen Anspruch gerecht wird, Universit\u00e4ten zu kulturellen Ankern der Demokratie zu machen. In dieser Hinsicht scheint Kollege Lauster richtig zu liegen: \u201eDie Idee einer einheitlichen Regelung durch einen Konsens in der Theologie ist tot.\u201d Zumindest in diesem Fall sollte man nicht auf eine Auferstehung hoffen.<\/p>\n\t\t<\/div>\n\t<\/article>\n<\/section>\n\n\n<section class=\"anchor\">\n\t<article>\t\n\t\t<a id=\"Kirchner\"  tabindex=\"-1\"><\/a>\n\t\t<h2>Die Hoffnung auf Gottes Reich, neu betrachtet (Dankwart Kirchner, Dr. theol., Gruppenpsychotherapeut, Berlin)<\/h2>\n\t<\/article>\n<\/section>\n\n\n<section class=\"textblock \">\n\t<article class=\"\">\n\t\t<div>\n\t\t\t<p>Ich antworte auf Joachim Kunstmann und seiner Frage nach der Basis des christlichen Glaubens.\u00a0 Ist es die Botschaft Jesu: \u201eReich Gottes und Liebe\u201c oder die des Paulus: \u201eS\u00fcnde, Gnade, Glaube, Gericht, Auferstehung\u201c? K. pl\u00e4diert daf\u00fcr, Jesu Religionskritik (Sabbatheiligung u.a.) endlich ernst zu nehmen. Ich m\u00f6chte mich den beiden genannten Schwerpunkten der Botschaft Jesu zuwenden, um dadurch einen anderen Kritikansatz zu gewinnen. Dabei ist wohl Konsens: Jesus verk\u00fcndigte das Reich Gottes. Er sah schon in seinem Handeln, dem D\u00e4monenaustreiben, Gottes Wirken: Lk 11,20. Den Satan sah er wie einen Blitz vom Himmel st\u00fcrzen Lk 10,18. Damit galt die Macht des Satans als gebrochen und das Reich Gottes als angebrochen. Wenn man nun die nachfolgende Geschichte betrachtet, hat sich beides nicht\u00a0 realisiert.\u00a0 Da aber die Hoffnung der Anh\u00e4nger Jesu gro\u00df war, sie auch mit Gottes Kommen gerechnet hatten, wurde begonnen, Jesu Tod als Zeichen von und f\u00fcr Gott zu deuten. So steht in R\u00f6mer 10,9b: \u201eDenn wenn du mit deinem Munde bekennst, dass Jesus der Herr ist und glaubst in deinem Herzen, dass Gott ihn von den Toten erweckt hat, so wirst du gerettet.\u201c Dazu Werner Kramer: \u201eR\u00f6mer 10,9b nennt nur einen Heilsakt, den es im Herzen zu glauben gilt\u201c.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Nichts von Kreuz, nichts von S\u00fcndenvergebung zu lesen. Diese Glaubensinhalte wurden sp\u00e4ter (oder parallel) ausgearbeitet. Wenn nun aber Gott nicht mit seinem Reich kam, der Satan aber bis zu Luthers Zeiten und dar\u00fcber hinaus h\u00f6chst wirksam war, schlage ich vor zur\u00fcckzuschauen, wann die Vorstellung, dass Gott kommt bzw. der Satan sein Reich aufgerichtet hat, begann. Ich setze ein bei 2 Sam 24,1ff im Vergleich zu 1 Chron 21,1ff. Alfred Bertholet hat darauf hingewiesen, dass Gott von jeglichen Verbindungen zur S\u00fcnde nach dem Exil entlastet wurde.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Besonders lehrreich sei dabei \u201eein Vergleich von II Sam 24,1 mit I Chron 21,1\u201c (ebd.). Bemerkenswert ist nun, dass Gott nicht nur an dieser Stelle entlastet und der Satan belastet wurde, sondern auch Ex 4,24 und Gen 22,1 -12*.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> \u00a0Aber auch hier gilt: Der Satan hat diese Taten Gottes nicht getan. Doch er wurde nach dem Exil mit seiner Macht immer st\u00e4rker herausgestellt, so dass Paulus in 2 Kor 4,4\u00a0 von ihm als \u201edem Gott dieser Welt\u201c sprechen kann. Da diese genannten Textentwicklungen kommuniziert entstanden sind \u2013 sind keine g\u00f6ttliche Offenbarung, besitzen keine ontologische Basis -, ist damit zu rechnen, dass die Fortsetzung zur Zeit Jesu ebenfalls kommuniziert wurde, auch wenn es als Offenbarung aufgenommen wurde. So musste auch Paulus diesem Unterschied zwischen Ontologie und Kommunikation Tribut zahlen. 1 Kor 13 beschreibt er im Hohen Lied der Liebe, was sie alles vermag und auch nicht vermag. Sie ertr\u00e4gt alles; sie duldet alles (V.7). Sie eifert nicht und sucht nicht das Ihre (V.4+5). Alles wird als ontologische Qualit\u00e4t der g\u00f6ttlichen Liebe verstanden. So kann er auch schreiben: \u201eWir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen\u201c (R\u00f6m 8,28). Paulus wird aber in einer Auseinandersetzung mit Korinthern so gereizt, dass er ihnen in 2 Kor 12 vorh\u00e4lt, ihn nicht zu loben (V.11) bzw. von ihnen nicht ausreichend geliebt zu werden (V.15). Das eine ist also die reine Gottesliebe, von der Paulus \u00fcberzeugt ist, dass er durch den Glauben an Christus sie empfangen hat. Das andere ist die menschliche Realit\u00e4t, in der jeder Mensch nicht nur liebt, sondern auch gleichzeitig wiedergeliebt zu werden sich w\u00fcnscht. Ich denke, Paulus unterliegt einer Wahrnehmungsbeeintr\u00e4chtigung durch seine Vorstellung der reinen, g\u00f6ttlichen Liebe. Sie gilt ihm als Offenbarung, nicht als Produkt einer menschlichen Kommunikation. \u00a0Da wir diese Vorstellung nicht infrage stellen, wirkt sich das auch auf anderes unserer Tradition aus. So geh\u00f6rt in unser \u00a0Gesangbuch der Choral \u201eGott ist gegenw\u00e4rtig\u201c, EKG 165. Der 3. Vers beginnt: \u201eWir entsagen willig allen Eitelkeiten, aller Erdenlust und Freuden.\u201c Aber auch das Bonhoeffer-Lied \u201eVon guten M\u00e4chten\u201c, EKG 65, geht an der Realit\u00e4t vorbei. Vers 3: \u201eUnd reichst du uns den schweren Kelch, den bittern des Leids, gef\u00fcllt bis an den h\u00f6chsten Rand, so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern aus deiner guten und geliebten Hand\u201c.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Es hei\u00dft nicht:\u00a0 Wir wollen uns bem\u00fchen, auch Schicksalsschl\u00e4ge mit unserem Glauben in Einklang zu bringen. Wir wollen uns bem\u00fchen, nicht allzu eitel zu sein. Es hei\u00dft: Wir entsagen willig allen Freuden. Wir nehmen Leid dankbar entgegen. Das sind nicht Versprecher. Das sind Wahrnehmungsst\u00f6rungen in der Nachfolge des Paulus. Nein, genau genommen liegt die Ursache dieser St\u00f6rungen beim Ausbleiben von Gottes sp\u00fcrbarer Gegenwart. &#8211; F\u00fcr die Frage nach dem Theologiestudium heute bedeutet das\u00a0 zu pr\u00fcfen, wie es zur Vorstellung kam, dass ein Mensch \u2013 Jesus \u2013 zum g\u00f6ttlichen Erl\u00f6ser werden konnte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Christos-Kyrios-Gottessohn, 1963, S. 16.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> RGG Bd. 5, 2. Aufl. Sp. 878.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Die Texte befinden sich in: Dankwart Kirchner: \u201eVom Zorne Gottes und vom Zorn des Menschen,2013, S. 54-62.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Als unser Sohn mit 52 Jahren starb, h\u00e4tte ich Gott daf\u00fcr dankbar sein m\u00fcssen. &#8211; Eine Jugendgruppe sang aus Anlass der 80. Wiederkehr 2018 des Pogroms von 1938 bei einer Prozession in Berlin an Orten, die besonders an die damaligen Ereignisse erinnern, auch diesen Vers 3 aus dem Bonhoeffer-Lied.<\/p>\n\t\t<\/div>\n\t<\/article>\n<\/section>\n\n\n<section class=\"anchor\">\n\t<article>\t\n\t\t<a id=\"Koch\"  tabindex=\"-1\"><\/a>\n\t\t<h2>Theologie studieren zu welchem Beruf? (Stefan Koch, Manager in Berlin)<\/h2>\n\t<\/article>\n<\/section>\n\n\n<section class=\"textblock \">\n\t<article class=\"\">\n\t\t<div>\n\t\t\t<p>In die aktuelle Diskussion mischt sich seitens der Landeskirchen eine jedenfalls mir neue Tonlage. Der Sprechwechsel stellt die k\u00fcnftige Verbeamtung der Absolventinnen und Absolventen des Theologiestudiums in Frage. Kirchlich w\u00fcrden durch eine (sogar r\u00fcckwirkende?) Schlie\u00dfung des Beamtenstatus und die \u00dcberf\u00fchrung in das Angestelltenverh\u00e4ltnis zuk\u00fcnftige Pensionslasten reduziert, welche eine Kirche \u00fcber ein halbes Jahrhundert eingeht, wenn sie Pfarrpersonen in das besondere Dienst- und Treueverh\u00e4ltnis \u00fcbernimmt. \u201e35 Jahre aktiver Dienst, 15 Jahre Ruhestand\u201c, mit einer simplen Formel wurde der Personalfinanzierungbedarf von der \u00dcbernahme bis zum Ableben \u00fcber den dicken Daumen von den Finanzern oft gerechnet.<\/p>\n<p>Die Berufsgruppe Pfarrperson bestand nie nur als Volltheologen. Sp\u00e4tberufene, Menschen im Angestelltenverh\u00e4ltnis oder konvertierte Priester fungieren aber selten als relevante Planungsgr\u00f6\u00dfen, wenngleich betont wurde, die Vertretenden dieser Gruppen seien in der Gemeinde praktisch und auf Karrierewegen faktisch dem gro\u00dfen Rest gleichwertig. Bezeichnenderweise war deren notwendige zus\u00e4tzliche Ausbildung vor Dienstantritt dadurch gekennzeichnet, dass sie die ausstehende universit\u00e4re Qualifikation m\u00fchsam um Fehlendes erg\u00e4nzte. Die altsprachliche Kompetenz fiel der verk\u00fcrzten Nachbildung als Adiaphoron zum Opfer. Und dass ehemalige Priester ihre sakramental-kirchliche Sozialisation nicht vollst\u00e4ndig abstreifen k\u00f6nnen, wurde wahrgenommen, geriet allerdings selten zum permanenten grunds\u00e4tzlichen Ausschlussgrund f\u00fcr eine \u00dcbernahme.<\/p>\n<p>Als erg\u00e4nzendes Argument f\u00fcr eine Umstellung vom Beamten- auf das generelle Angestelltenverh\u00e4ltnis wird mit erkennbarem Doppelsinn angef\u00fchrt, so w\u00fcrde das Risiko auch f\u00fcr die Berufstr\u00e4ger kalkulierbar. Ob dies Betroffene zus\u00e4tzlich motiviert, die Sicherheit des beamten\u00e4hnlichen Dienstverh\u00e4ltnisses zu scheuen? Nur vereinzelt greifen \u2013 so meine Kenntnis der Lage \u2013 die Mitglieder der Generation Z dieses Argument auf, denen eine Lebensl\u00e4nglichkeit im Pfarrberuf auch bei Kirche keinen automatischen Mehrwerkt, sondern eher einen Malus bedeutet. Aus Sicht der Steuerleute der Personalabteilungen ist dies einsichtig. Wenn es nach Examen oder alternativem Abschluss keine garantierte Pfarrstelle mehr gibt, w\u00e4ren Betroffene \u00fcber das Angestelltenverh\u00e4ltnis kirchlich flexibler man\u00f6vrierbar. Richtig daran ist, dass angestellten Pfarrpersonen sich letztlich vergleichbaren Chancen, Herausforderungen und Risiken aussetzen, wie sie die Menschen schon heute haben, die per Arbeitsvertrag bei den Firmen dieser Republik in Voll- oder Teilzeit angestellt sind.<\/p>\n<p>Die oft thematisierten (und problematisierten) Kennzeichen des Handelns von wirtschaftlich agierenden Unternehmen im Blick auf Personalf\u00fchrung von Angestellten sind bekannt. Ihre Bewertung differiert je nach Betroffenheit. Skizzenhaft nenne ich \u2013 positiv erlebt \u2013 ein umfangreiches Onboarding, verpflichtende j\u00e4hrliche Zielvereinbarungen und im Blick auf das Jahresgehalt \u00fcberpr\u00fcfte Zielerreichungen, grunds\u00e4tzlich verpflichtende Fortbildungen vor allem zum Thema Reputation und Risiko au\u00dferhalb der Arbeitszeit, sie sehr selbstverst\u00e4ndlich kommunizierte Erwartung von erheblichen \u00dcberstunden, die Erwartung von erfolgreichen Leistungsnachweisen im Rahmen des j\u00e4hrlichen Fortbildungsbudgets, sowie ein F\u00fchrungswesen mit grunds\u00e4tzlich mehreren Vorgesetzten (personell, fachlich und kundenbezogen).<\/p>\n<p>Wie z\u00fcgig werden die \u00dcberlegungen zur Abkehr vom Beamten- hin zum Angestelltenstatus um sich greifen? Mit ihnen l\u00e4sst sich die angebliche gemeindliche und universit\u00e4re Vorrangstellung der Theologie vor der Religionsp\u00e4dagogik leichter auszuhebeln als bisher. Und sie \u00f6ffnen die Fenster in Richtung auf die Frage nach dem Hauptberuf der Pfarrerin und des Pfarrers. Mit welchem guten Grund soll weiterhin das Pfarramt der Brotberuf des Pfarrers und der Pfarrerin sein?<\/p>\n<p>Unter der \u00dcberschrift \u201eSeitenwechsel\u201c oder \u00e4hnlicher Beschreibungen gibt es seit Jahrzehnten F\u00f6rderprogramme f\u00fcr avancierenden Nachwuchs. Praktika dienen allgemein \u00e4hnlichen Zwecken zur Orientierung vor dem und im Studium. Im Amt sind es Fortbildungsangebote, die eigeninteressengeleitet Kompetenzen erschlie\u00dfen. Nur wird \u2013 so gut solche Programme oft sind \u2013 kirchlich nicht wirklich ein wirksamer Schuh daraus, um Professionalit\u00e4tsdefizite zu beheben. In aller Regel dienen entsprechende Aktivit\u00e4ten dazu, anschlie\u00dfend umso gewisser \u2013 und ja: auch besser \u2013 auf dem vertrauten Trampelpfad der pfarrlichen T\u00e4tigkeiten fortzuschreiten.<\/p>\n<p>W\u00e4re es denkbar, evangelischen Pfarrerinnen und Pfarrern einen anderen Brotberuf anzudienen? Welches theologische Argument taugt, um die Verantwortung zur \u00f6ffentlichen Wortverk\u00fcndigung und Sakramentsverwaltung auch in den n\u00e4chsten Jahrzehnten an das Hauptamt zu ketten? Warum nicht ein interessantes Drittes neben Beamtentum und Angestelltenwesen aufrichten, das heute und in Zukunft gr\u00f6\u00dfere Freiheitsgrade zun\u00e4chst f\u00fcr die Pfarrpersonen, und dann f\u00fcr ihre Landeskirchen schafft? Das zudem im Blick auf die Kirche im notwendigen Wandel dem System mehr Luft schaffen k\u00f6nnte? In der aktuellen Diskussion um die theologische Ausbildung ist nach meiner Einsch\u00e4tzung zu wenig von einer solchen Zielperspektive die Rede, in der am Ende nicht ein Pfarramt im Haupt- oder Nebenamt oder in Teilzeit steht, sondern in der das Pfarramt den normalen Beruf erg\u00e4nzt. Theologie studieren: zu welchem Beruf?<\/p>\n<p>Nach 26 Jahren als Pfarrer in unterschiedlichen Verantwortungen habe ich einen Arbeitsvertrag als Manager bei einem Wirtschaftspr\u00fcfungsunternehmen unterschrieben und bin dort seit 1. Oktober 2021 in Vollzeit t\u00e4tig. Ich habe pers\u00f6nlich und in meiner Profession von der so anderen T\u00e4tigkeit profitiert und k\u00f6nnte mir diese Form der T\u00e4tigkeit auch als Handlungsrahmen f\u00fcr die Kolleginnen in den Gemeinden vorstellen. Ich denke zudem, dass sich aus der neben Beamtentum und Angestelltenverh\u00e4ltnis dritten Position viel f\u00fcr Kirche gewinnen lie\u00dfe.<\/p>\n\t\t<\/div>\n\t<\/article>\n<\/section>\n\n\n<section class=\"anchor\">\n\t<article>\t\n\t\t<a id=\"Ohlenbusch\"  tabindex=\"-1\"><\/a>\n\t\t<h2>Gr\u00fc\u00dfe aus dem Vorgarten (Frederik Ohlenbusch, Theologiestudent, Berlin) <\/h2>\n\t<\/article>\n<\/section>\n\n\n<section class=\"textblock \">\n\t<article class=\"\">\n\t\t<div>\n\t\t\t<p>\u00dcber die Frage des Kerns der Theologie ist in den vier Beitr\u00e4gen, f\u00fcr die ich mich grade wegen ihrer jeweils klaren Position und Ehrlichkeit herzlich bedanke, richtiges und anschlussf\u00e4higes geschrieben worden. Ich teile Eve-Marie Beckers Perspektive auf die fachinterne Vielfalt, die mich einmal zum Studium gebracht hat und bis heute fesselt. Durch eben diese Studienzeit ist auch meine Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr das historische-gewachsene Geb\u00e4ude Theologie gewachsen, dessen Charakter Thomas Kaufmann betont. Dieses Geb\u00e4ude hat, da folge ich Lauster, gl\u00fccklicherweise mannigfaltige Gestalt, so dass ich dem Vorwurf von \u201eInsider-Logiken\u201c durch Joachim Kunstmann zumindest nicht in F\u00fclle zustimmen kann.<\/p>\n<p>Zu meiner \u00dcberzeugung geh\u00f6rt, dass der Erwerb m\u00f6glichst aller drei klassischer Sprachen ein anzustrebendes Ziel darstellt. Allerdings f\u00e4llt bei diesem Streben die Frage des <em>wie<\/em> all zu oft unter die Frage des <em>ob<\/em>. Zwar habe ich in meinen drei Sprachkursen pers\u00f6nlich positive Erfahrungen gemacht. Die gegenw\u00e4rtige Aufstellung unser Studienordnungen macht es Studierenden aber grunds\u00e4tzlich nicht leicht. Hier rate ich, ganz ohne H\u00e4me und den Groll eines Untert\u00e4nigen, Entscheidungstr\u00e4ger*innen eine Hospitation in den Sprachkursen ihres Hauses oder auf dem Gebiet ihrer Kirche an.<\/p>\n<p>Die Anforderungen einer Abiturerg\u00e4nzungspr\u00fcfung Hebraicum, Graecum und Latinum, spiegeln zwar ein hohes und aller Ehre werten Niveau wider, sind mit den unmittelbaren Anforderungen im weiteren Curriculum nur unzureichend verzahnt. Die jeweiligen Kompetenzen werden abgerufen und vertieft, keine Frage. Durch die Auslagerung des Sprachenerwerbs in den Vorgarten der Studienordnung (und effektiv auch in den des Hochschulbetriebs) gehen aber wesentliche Synergieeffekte verloren.<\/p>\n<p>In der Er\u00f6ffnung des Streitraums ist lediglich von Theologiestudium, nicht aber von der sogenannten Volltheologie die Rede. Dass Kaufmann und Kunstmann ihre Erfahrungen mit den Lehramtsstudieng\u00e4ngen einbringen, schlechte wie gute, um auf die gegenw\u00e4rtig diskutierte Reform eben dieses Examensstudiengangs zu sprechen zu kommen, ist vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse nachvollziehbar. Wie sieht es aber dar\u00fcber hinaus aus?<\/p>\n<p>Haben wir genug daf\u00fcr getan, die Evangelische Theologie auch als Neben- oder Zweitfach f\u00fcr interessierte Studierenden zu \u00f6ffnen? Mir scheint, als w\u00fcrden weder die alleinige Fokussierung auf die Berufsbilder in Kirche und Schule und die auf sie gerichtete Vorbereitung noch das Festklammern am Volltheologiestudiengang als einzig eigentlichen Weg des Studiums dieser M\u00f6glichkeit die T\u00fcr offenhalten. Gegenw\u00e4rtig stellt die Entscheidung, sich bei der Immatrikulation unmittelbar f\u00fcr den Studiengang Theologie Mag.Theol\/KiEx zu entscheiden, eine nicht zu untersch\u00e4tzende H\u00fcrde dar. Ich studiere diesen Studiengang gerne, habe mich trotz christlicher Sozialisation aber erst nach einigen Semestern final mit ihm abgefunden.<\/p>\n<p>Der Ausfall von Lehrveranstaltung wegen zu geringer Teilnahme ist zum Regelfall geworden. Wir k\u00f6nnen, unabh\u00e4ngig von der gegenw\u00e4rtigen Krise der Theologie, f\u00fcr alle dankbar sein, die sich als Student, Kontaktstudentin oder interessierte Gasth\u00f6rer*in an theologischen Instituten und Fakult\u00e4ten verirren. Allein aus schlichtem staatlichen Auftrag ist ihnen allen eine m\u00f6glichst gutes, studierbares Angebot zu machen. Auch Christus hat keine \u201ekulturelle Elite\u201c in seine Kreise berufen, solch eine Einsch\u00e4tzung verbietet sich aus vielen, hier nicht in G\u00e4nze anf\u00fchrbaren Gr\u00fcnden.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus sollte zur Frage des \u201erichtigen\u201c Studiums nicht die Zahl derjenigen vergessen werden, die sich mit einem Master of Arts derzeitig mit einer Promotion oder Habilitation qualifizieren oder gar Lehrst\u00fchle besetzen. Haben alle jene denn etwa nicht gescheit studiert? So ist auch der Magister Theologiae unserer r\u00f6mischen-katholischen Geschwister durch eine strengere Modularisierung einem BA\/MA deutlich n\u00e4her als der unsere. Absolvierenden dieses Studiengangs, der den Spracherwerb wesentlich besser in das eigentliche Studium integriert, sind doch auch ernstzunehmende theologische Gespr\u00e4chspartner*innen, und zwar in allen der evangelischen wie katholischen Theologie gemeinsamen Teildisziplinen? Es w\u00e4re noch von anderen Kirchen zu sprechen, ich bleibe bei den Gliedkirchen der EKD.<\/p>\n<p>Sprechen derzeit Vertreter*innen der Landeskirchen \u00fcber ihre Erwartungen und W\u00fcnsche f\u00fcr die Zukunft der Theologie, bin ich \u00fcber die fehlende Inspiration traurig. Ich erinnere mich \u2013 pars pro toto \u2013 an das Gru\u00dfwort von Dorothee W\u00fcst, Kirchenpr\u00e4sidentin in der Pfalz, anl\u00e4sslich des WGTh-Kongresses in Heidelberg diesen September, nach dem sich die Kirche \u201ekeine Schmalspurtheolog*innen\u201c noch \u201eFachidioten\u201c w\u00fcnsche. Was \u00fcber ein bestandenes erstes Examen oder vergleichbaren Studienabschluss eine Pfarrperson von morgen mitbringen soll, erfahre ich hier und andernorts eigentlich gar nicht. M\u00f6glicherweise sind Kirchenvertreter*innen in den entsprechenden Kommissionen in ihren Vorstellungen konkreter.<\/p>\n<p>Wenn also, wie J\u00f6rg Lauster vorschl\u00e4gt, regionale Vorst\u00f6\u00dfe in Kooperation mit den Kirchen unsere Zukunft sind, dann bitte nur mit solchen, die etwas beizutragen haben. Ich m\u00f6chte davon abraten, durch solche Alleing\u00e4nge die M\u00f6glichkeiten, in der Kirche Dienst zu tun, noch mehr als ohne hin schon zu verkomplizieren und den bereits un\u00fcbersichtlich unterschiedlichen Zugangsbedingungen zum Vikariat (BA, MA oder nur Examen? Priorit\u00e4t f\u00fcr Mitglieder einer Landesliste? &#8230;) weitere hinzuzuf\u00fcgen.<\/p>\n<p>\u201eDer heilige David empfiehlt zwar, sich Tag und Nacht dem Studium der heiligen Schriften zu widmen; es soll aber so passieren wie du gesagt hast und wir bewahren uns die Untersuchungen des \u00dcbriggebliebenen f\u00fcr morgen auf.\u201c (Theodoretus von Cyrus, <em>Eranistes<\/em>, 188,1\u20134)<\/p>\n\t\t<\/div>\n\t<\/article>\n<\/section>\n\n\n<section class=\"anchor\">\n\t<article>\t\n\t\t<a id=\"Osth\u00f6vener\"  tabindex=\"-1\"><\/a>\n\t\t<h2>Gegenwartstheologie (Claus-Dieter Osth\u00f6vener, Professor f\u00fcr Systematische Theologie und Geschichte der Theologie, Marburg)<\/h2>\n\t<\/article>\n<\/section>\n\n\n<section class=\"textblock \">\n\t<article class=\"\">\n\t\t<div>\n\t\t\t<p>W\u00e4hrend der Evangelische Fakult\u00e4tentag noch diskutiert, ob er im zwanzigsten Jahrhundert ankommen will, ist Marburg schon auf dem Weg ins einundzwanzigste. Nachdem wir sehr gute Erfahrungen mit unserem neu konzipierten Nebenfach Evangelische Theologie f\u00fcr die an der Philipps-Universit\u00e4t durchweg neu strukturierten Bachelorstudieng\u00e4nge gemacht haben, bringen wir derzeit einen B.A. Evangelische Theologie auf den Weg, der gewi\u00df, wie schon unser bew\u00e4hrter berufsbegleitender Masterstudiengang, bundesweit begeisterte Nachahmung finden wird. Ein entsprechend zukunftsorientierter M.A. wird nicht lange auf sich warten lassen.<\/p>\n<p>Was die Sprachen angeht (und alles hier ist nat\u00fcrlich meine ganz pers\u00f6nliche, wenngleich wohlerwogene, Auffassung), ist die Sache denkbar einfach: die mit gro\u00dfem Abstand wichtigste Sprache im Theologiestudium ist Englisch, da die Theologien der Gegenwart (Obacht: Pr\u00e4sentismus!) vorwiegend in dieser Sprache diskutiert werden (Spanisch und Franz\u00f6sisch sind nat\u00fcrlich auch hilfreich). Die f\u00fcr ein theologisches Studium erforderlichen funktionalen Sprachkenntnisse in den drei alten Sprachen lassen sich ohne weiteres in einem Semester vermitteln. Sofern sie dann in den einschl\u00e4gigen F\u00e4chern immer wieder einmal zum Einsatz kommen, d\u00fcrfte allen vern\u00fcnftigen Anforderungen Gen\u00fcge getan sein. Diejenigen Studierenden, die sich intensiver mit den alten Sprachen befassen wollen (erfahrungsgem\u00e4\u00df etwa 10%), werden gewi\u00df vertiefende Angebote gerne wahrnehmen.<\/p>\n<p>Der Kern des Theologiestudiums schlie\u00dflich besteht ganz sicher nicht im Studium der Theologie. Schlie\u00dflich bilden wir keine Privatdozent:innen aus (das ist eher eine Art Kollateralschaden), sondern Menschen, die drau\u00dfen in der Welt (in Gemeinde, Schule und \u00d6ffentlichkeit) den in Liebe t\u00e4tigen Glauben strukturiert und reflektiert vertreten. Dabei d\u00fcrfte weniger die Kirchenleitung, wie Schleiermacher noch meinte, im Vordergrund stehen, als vielmehr die kreative Umgestaltung von Gemeinden und kirchlichen Strukturen, oder vielleicht sogar deren Neugr\u00fcndung. Daf\u00fcr aber mu\u00df die Theologie durch und durch (horribile dictu!) praktisch sein, was nat\u00fcrlich nicht bedeutet, da\u00df sie mit dem derzeitigen Fach Praktische Theologie identisch w\u00e4re. Selbst die historischen Disziplinen k\u00f6nnten hier hilfreiche Beitr\u00e4ge leisten, sofern sie denn hin und wieder von ihrem historistischen Schaukelpferd herunterkommen wollten.<\/p>\n<p>Falls aber Gott, der bekanntlich selbst ein begabter Theologe ist (<em>theologia archetypa<\/em>), andere Pl\u00e4ne mit seiner <em>theologia ektypa <\/em>haben sollte (die er derzeit gewi\u00df lieber in der Bronx studiert als in Wittenberg), dann wird er uns das sicherlich rechtzeitig wissen lassen (wenngleich vermutlich nicht durch die verbeamteten Kultprophet:innen des Fakult\u00e4tentages). Bis dahin aber gilt: no risk, no fun!<\/p>\n\t\t<\/div>\n\t<\/article>\n<\/section>\n\n\n<section class=\"anchor\">\n\t<article>\t\n\t\t<a id=\"Pohl-Patalong\"  tabindex=\"-1\"><\/a>\n\t\t<h2>Das Theologiestudium von seinen Inhalten her denken (Uta Pohl-Patalong, Professorin f\u00fcr Praktische Theologie und Religionsp\u00e4dagogik, Kiel)<\/h2>\n\t<\/article>\n<\/section>\n\n\n<section class=\"textblock \">\n\t<article class=\"\">\n\t\t<div>\n\t\t\t<p><em>Zur Ausrichtung des Theologiestudiums<\/em><\/p>\n<p>Der Anlass, die seit \u00fcber 100 Jahren diskutierte Reform des Theologiestudiums konkret werden zu lassen, ist fraglos die enorm zur\u00fcckgegangene Zahl an Studienanf\u00e4nger:innen. Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr liegen sicher nicht monokausal im Studium, aber dieses ist ein Faktor, der gestaltbar ist und auch inhaltlich Ver\u00e4nderungsbedarf zeigt. Darauf weist bereist die Disparatheit der vier Artikel hin: Wenn Verantwortliche f\u00fcr das Studium so unterschiedliche Vorstellungen und Ziele formulieren, spricht das nicht f\u00fcr ein \u201eweiter so\u201c. Ein wesentlicher Grund f\u00fcr diese Disparatheit und auch f\u00fcr die Problematik des Studiums insgesamt ist m. E. seine Organisation \u00fcber die sechs Fachdisziplinen mit spezifischen Voraussetzungen, Methoden, Hermeneutiken und Zielen. Diese Konstruktion erschwert gleichzeitig die Reform, weil sie nahelegt, prim\u00e4r vom eigenen Fach aus zu denken und f\u00fcr dieses einen Niveauverlust zu bef\u00fcrchten. Menschen, die ein Theologiestudium mit einem nicht-wissenschaftlichen Berufsziel erw\u00e4gen, folgen dieser Logik kaum, sondern sie sind an Inhalten interessiert, die sie als relevant erachten \u2013 im Blick auf ihre eigenen religi\u00f6sen und lebensweltlichen Fragen, auf gesellschaftliche Herausforderungen oder f\u00fcr ihr angestrebtes Berufsziel. Deren Logik st\u00e4rker zu ber\u00fccksichtigen, entspricht nicht nur dem subjektorientierten Bildungsgedanken, sondern erscheint mittlerweile auch essenziell f\u00fcr die Zukunft des Faches. Mein Vorschlag ist daher, das Theologiestudium k\u00fcnftig prim\u00e4r nach Inhalten und nach an diesen Inhalten zu entwickelnden Kompetenzen zu strukturieren, die von den Fachdisziplinen teils gemeinsam und teils allein gestaltet werden, ohne sie jedoch zur dominante Organisationslogik zu machen \u2013 dies w\u00e4re dann auch der <em>Kern des Faches<\/em>.<\/p>\n<p>Denkt man in dieser Weise von den Bildungsprozessen der Studierenden aus, ist eine Entscheidung \u00fcber die <em>Sprachenfrage<\/em> im Vorhinein nicht sinnvoll zu entscheiden, sondern es ist zu fragen, wof\u00fcr genau sie auf welchem Niveau ben\u00f6tigt werden und in welchem Verh\u00e4ltnis sich diese Kompetenzen zu den anderen f\u00fcr das jeweiligen Berufsziel ben\u00f6tigten verhalten.<\/p>\n<p>Nicht nur aus Existenzgr\u00fcnden, sondern vor allem aus inhaltlichen Motiven sollten st\u00e4rker als bisher Menschen mit unterschiedlichen St\u00e4rken und Interessen angesprochen werden. Dies w\u00fcrde das Spektrum der Pfarrpersonen und Religionslehrkr\u00e4fte vergr\u00f6\u00dfern und einen Zugang f\u00fcr Menschen, die im \u00f6ffentlichen Raum oder in der Wirtschaft, ebenso aber auch in der Wissenschaft t\u00e4tig werden m\u00f6chten, erleichtern. Das Studium w\u00e4re damit dreigliedrig f\u00fcr Pfarramt, Lehramt und \u201eReligion in der Gesellschaft\u201c nutzbar. Zwischen diesen beruflichen Perspektiven sollten die \u00dcberg\u00e4nge flie\u00dfend und niedrigschwellig sein. Dies spricht f\u00fcr individuelle Schwerpunktsetzungen und Zug\u00e4nge zum Studium.<\/p>\n<p>Folgt man diesen \u00dcberlegungen, liegt ein Modell f\u00fcr das Theologiestudium nahe, das auf \u00dcberlegungen der von der EKD organisierten Werkstatttagen zur Reform des Theologiestudiums zwischen kirchlichen und universit\u00e4ren Vertreter:innen 2023 in Nienburg beruht:<\/p>\n<p><em>Ein Vorschlag f\u00fcr den Aufbau des Studiums<\/em><\/p>\n<p>Das Studium enth\u00e4lt vier Typen von Modulen:<\/p>\n<p><strong>1. Pflichtmodule<\/strong>, die in Orientierung an einer Rahmenordnung der EKD alle Fakult\u00e4ten anbieten. Diese k\u00f6nnte eine verbindliche interdisziplin\u00e4r ausgerichtete \u00dcberblicksvorlesung beinhalten (gehalten von aus der Perspektive eines daf\u00fcr naheliegenden Faches unter Einbeziehung der Expertise von Kolleg:innen anderer F\u00e4cher) sowie ein Seminar mit theoretischer Vertiefung und eine \u00dcbung mit Theorie-Praxis-Bezug (beides potenziell von allen F\u00e4chern angeboten). F\u00fcr beides sollte es mindestens eine Alternative aus verschiedenen F\u00e4chern geben, um Schwerpunktsetzungen zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Beispielhaft w\u00e4ren Inhalte denkbar wie \u201ereligi\u00f6s-weltanschauliche Pluralit\u00e4t\u201c, \u201eUmgang mit der Bibel\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> oder \u201eWirkungen historischer Entscheidungen auf die Gegenwart\u201c.<\/p>\n<p><strong>2. Wahlmodule<\/strong> nach Entscheidung der Fakult\u00e4ten, die damit eigene Schwerpunkte setzen und jederzeit neu justiert werden k\u00f6nnen. Diese sind ebenso aufgebaut wie die Pflichtmodule. Die zu belegende Anzahl w\u00fcrde im Lehramtsstudium aufgrund des zweiten Faches geringer sein als beim Ziel Pfarramt oder \u201eReligion in der Gesellschaft\u201c. W\u00fcnschenswert w\u00e4re, die universit\u00e4re Interdisziplinarit\u00e4t einzubeziehen und Perspektiven \u00fcber die Theologie hinaus zu entwickeln.<\/p>\n<p>Beispielhaft w\u00e4ren Inhalte denkbar wie \u201eDunkle Seiten von Christentum und Kirche\u201c, \u201eErfolg und Scheitern\u201c, \u201eChristlicher Antijudaismus\u201c, \u201eLeiblichkeit\u201c oder \u201eGendersensibilit\u00e4t\u201c.<\/p>\n<p><strong>3. Vertiefungsmodule<\/strong> mit einem gr\u00f6\u00dferen Umfang als die Pflicht- und die Wahlmodule, die disziplin\u00e4r von einem Fach gestaltet werden. Diese enthalten die sprachlichen und methodischen Grundlagen f\u00fcr das jeweilige Fach inkl. der Sprachen.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Das Pfarramtsstudium und \u201eReligion in der Gesellschaft\u201c k\u00f6nnten mindestens zwei Vertiefungsmodule beinhalten, das Lehramtsstudium eines.<\/p>\n<p><strong>4. Berufsbezogene Module<\/strong>, in denen sich die drei Studieng\u00e4nge aufgliedern. F\u00fcr das Lehramtsstudium w\u00e4ren dies Fachdidaktik, f\u00fcr das Pfarramtsstudium Perspektiven kirchlichen Handelns (Predigt, Seelsorge, p\u00e4dagogisches Handeln in Kirche und Schule, kirchliche Sozialformen) und f\u00fcr die dritte S\u00e4ule w\u00e4ren entsprechende Inhalte zu entwickeln. Um die beruflichen Perspektiven relevanzst\u00e4rkend studienbegleitend zu gestalten, w\u00e4re eine Aufgliederung in kleinere Module sinnvoll, die am Anfang, in der Mitte und am Ende des Studiums angesiedelt sind.<\/p>\n<p>Dieses Modell w\u00e4re <em>sowohl in einem Bachelor-\/Master-Modell als auch im klassischen Modell<\/em> mit einem b\u00fcndigen Abschlussexamen umsetzbar. Aufgrund der Erfahrungen, dass in Ersterem die intrinsische Motivation im Ersteren sinkt und die Orientierung an zu erwerbenden Leistungspunkten und Noten steigt, w\u00fcrde ich pers\u00f6nlich f\u00fcr die zweite Variante pl\u00e4dieren. Es schiene mir jedoch fatal, auf diese Frage die dringend f\u00fcr die inhaltlichen Reformen ben\u00f6tigten Energien zu verwenden.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Darin w\u00e4ren auch hebr\u00e4ische und griechische Grundkenntnisse zu vermitteln, mit denen Studierende kompetent mit \u00dcbersetzungen im Vergleich arbeiten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Im AT und NT Hebr\u00e4isch bzw. Griechisch, exegetische Methoden und Bibelkunde, in der KG Latein und Umgang mit Quellen, in der ST hermeneutische und philosophische Grundlagen, in der PT empirische Methodologie und Einf\u00fchrung in die Religions- und Kirchensoziologie, in RI religionswissenschaftliche und religionskundliche Grundlagen.<\/p>\n\t\t<\/div>\n\t<\/article>\n<\/section>\n\n\n<section class=\"anchor\">\n\t<article>\t\n\t\t<a id=\"Steigerwald\"  tabindex=\"-1\"><\/a>\n\t\t<h2>Kommunikation des Evangeliums als Gegenstand der Theologie (Daniel Steigerwald, Pfarrer, M\u00fcnchen) <\/h2>\n\t<\/article>\n<\/section>\n\n\n<section class=\"textblock \">\n\t<article class=\"\">\n\t\t<div>\n\t\t\t<p><em>Was ist des Studiums Kern?<\/em><\/p>\n<p>Der Gegenstand der Theologie l\u00e4sst sich m.E. mit \u201eKommunikation des Evangeliums\u201c umschreiben. Hier kommt u.a. die Erkenntnis zum Ausdruck, wie eng Form und Inhalt miteinander verbunden sind. Was in den Medienwissenschaften l\u00e4ngst keine Neuigkeit mehr ist, wird im F\u00e4cherkanon der Theologie bisher aber kaum ber\u00fccksichtigt: Fast alle Anstrengungen flie\u00dfen in die Suche nach dem \u201ewahren\u201c Inhalt \u2013 die Form ist eine Randerscheinung der Praktischen Theologie, so als ob man jeden Inhalt einfach in jedes Medium pressen k\u00f6nnte. Was \u201eKommunikation\u201c sein soll, ist aber l\u00e4ngst nicht klar und kann auch nicht einfach in ein Vikariat weitergeschoben werden: Die Form pr\u00e4gt den Inhalt, die Reflexion der Medienpraktiken muss Teil der akademischen Ausbildung sein. Nur wer sich im Klaren dar\u00fcber ist, wie eine Rede funktioniert, wie ein Reel auf Instagram, ein YouTube-Short, ein Facebook-Beitrag, ein Gespr\u00e4ch am Gartenzaun usw. gepr\u00e4gt ist, kann kompetent mit Medien des Evangeliums umgehen.<\/p>\n<p>Aber auch \u201eEvangelium\u201c hat im derzeitigen theologischen Studium Schlagseite: In Anbetracht des nur zu verst\u00e4ndlichen Rechtfertigungsdrucks im universit\u00e4ren Betrieb ist es nicht verwunderlich, dass ein gro\u00dfer Teil des Studiums ein historisches Vorzeichen tr\u00e4gt: F\u00fcr historische Erkenntnisse gibt es legitime historische Methoden: Diese erzeugen das Gef\u00fchl, \u201ewirklich wissenschaftlich\u201c, also <em>etsi Deus non daretur<\/em>, zu arbeiten. Was eine Pfarrperson jedoch braucht, ist hermeneutische Kompetenz: Evangelium im jeweiligen Kontext neu durchzubuchstabieren, und zwar <em>etsi Deus daretur<\/em>. Das gegenw\u00e4rtige Studium l\u00e4dt dazu ein, den \u201eKinderglauben\u201c mit Beginn des Studiums an der Garderobe abzugeben und ihn mit Beginn des Vikariats wieder abzuholen: Man hat im Studium viel gelernt, das Denken gesch\u00e4rft und \u2013 mit Blick auf die gegenw\u00e4rtigen Examenspr\u00fcfungen \u2013 v.a. viel Wissen angeh\u00e4uft. Um mit Menschen in Bezug auf \u201egute Nachricht\u201c im Austausch zu sein, reicht das aber nicht: Man kann dann bestenfalls kluge Vortr\u00e4ge halten oder eben alte Gewissheiten von fr\u00fcher hervorholen \u2013 beides wird der Herausforderung im kirchlichen Kontext nicht gerecht.<\/p>\n<p>Ein:e Theolog:in in der heutigen Zeit sollte die Kompetenz haben, heutige Herausforderungen von Menschen in je unterschiedlichen Kontexten zu verstehen, spirituelle Suchbewegungen zu begleiten und Erfahrungen aus Schrift und Tradition in angemessener Form (Medienkompetenz) als Deutungsangebote zur Verf\u00fcgung zu stellen. Dar\u00fcber hinaus sollte sie dazu f\u00e4hig sein, \u00fcber ihren eigenen Glauben auf den Ebenen Logo, Ethos und Pathos sprachf\u00e4hig zu sein, um so selbst potenziell Medium der Kommunikation des Evangeliums <em>in personam<\/em> zu sein.<\/p>\n<p><em>Wie h\u00e4ltst Du\u2019s mit BA\/MA?<\/em><\/p>\n<p>Gegenw\u00e4rtig legt das Studium die Grundlagen f\u00fcr wissenschaftliche Karrieren in sechs oder mehr unterschiedenen Teildisziplinen der Theologie. Am Ende des Hauptstudiums stehen Studierende vor der Herausforderung, abfragbares \u00dcberblickswissen zu allen wichtigen Themengebieten der Unterdisziplinen zusammen zu sammeln. Alle m\u00fcssen dasselbe wissen \u2013 egal ob man eine Promotion in Kirchengeschichte anstrebt, in der Systematischen Theologie oder ob man doch den Schritt ins Vikariat wagt. Hermeneutische Kompetenz hat dann, wer darauf aus freien St\u00fccken bei der Seminarwahl Wert gelegt hat oder diese bei kontroversen Gespr\u00e4chen am Mittagstisch in der Mensa einge\u00fcbt hat. Alle anderen k\u00f6nnen erkl\u00e4ren, wie es zum Christentum in den heute vorliegenden Fassungen gekommen ist, aber nicht, was ein Mensch im 21. Jahrhundert damit bitte anfangen soll.<\/p>\n<p>Vielleicht k\u00f6nnte die Umstellung auf ein BA\/MA System auch eine Sch\u00e4rfung des Studiums im Hinblick auf seinen Kern zur Folge haben: Was spr\u00e4che dagegen, den BA als Grundlagenstudium f\u00fcr alle Theologi:innen zu nutzen: Statt wie bisher in sechs Jahren h\u00e4tten Studierende drei Jahre Zeit, um sich eines historischen Abstands zu Bibeltexten bewusst zu werden, einen \u00dcberblick \u00fcber Kirchen-, Dogmen- und Philosophiegeschichte zu bekommen und die Erkenntnisse Praktischer Theolog:innen der Vergangenheit zu reflektieren.<\/p>\n<p>In einem MA k\u00f6nnten Studierende dann w\u00e4hlen, ob sie lieber einen wissenschaftlichen Teilbereich vertiefen m\u00f6chten oder ob sie in zwei Jahren Kommunikation des Evangeliums f\u00fcr die Gegenwart, also v.a. eine hermeneutische Kompetenz, fokussieren m\u00f6chten.<\/p>\n<p><em>Wie h\u00e4ltst Du\u2019s mit den Sprachen?<\/em><\/p>\n<p>Der Wert der Sprachen ist f\u00fcr mich vor dem Hintergrund verst\u00e4ndlich, dass es in den Anf\u00e4ngen des Protestantismus einmal die Annahme gab, mit philologischen F\u00e4higkeiten einen guten oder zumindest besseren Zugriff auf das Wort Gottes zu bekommen. Dass deshalb in evangelikalen Kreisen der Wert von Bibelauslegung so hoch h\u00e4ngt, ist ja verst\u00e4ndlich. Im Rest der evangelischen Theologie haben sich aber doch die Unterscheidungen zwischen Bibel, Schrift und Wort Gottes durchgesetzt: Nur weil man einen Bibeltext versteht, versteht man noch nicht die Schrift oder gar das Wort Gottes. Ja noch mehr: Nur weil man den historischen Sinn eines Textes erschlossen hat, hat man noch nicht den Text verstanden. Das Erheben einer Wahrscheinlichkeit eines historischen Sinns ist damit nicht bedeutungslos. Aber es ist \u2013 so der allgemeine Konsens \u2013 doch nur ein (wichtiger) Puzzlestein in der Reflexion des Wortes Gottes. Daneben m\u00fcssen reflektiert werden: die Art und Weise des Schriftgebrauchs, der Kontext, in dem die Schrift gebraucht wird, die dahinterstehende Intention, die Selbstoffenbarung des Wortes Gottes u.v.m. Das emotionalisierte Pochen auf den Wert der Sprachen ist vor diesem Hintergrund nicht verst\u00e4ndlich. Es muss nicht diskutiert werden, dass f\u00fcr eine Forschung mit historischen Methoden an den Bibeltexten die jeweiligen Sprachen der Ausgangspunkt sind (wie das ja auch f\u00fcr andere Wissenschaften gilt, die Forschung mit Quellentexten betreiben). Es ist aber auch nicht ersichtlich, wieso hermeneutische Kompetenz in Bezug auf die Kommunikation des Evangeliums ausgerechnet an der korrekten eigenen \u00dcbersetzung von Platon-Texten h\u00e4ngen sollte. Nicht zuletzt die Sprachanforderungen, die f\u00fcr einige der Quereinstiegs-Masterstudieng\u00e4nge angesetzt werden, zeigen, dass das Niveau der Alten Sprachen nur sehr wenig \u00fcber den kompetenten Umgang einer Pfarrperson mit dem Wort Gottes aussagt.<\/p>\n\t\t<\/div>\n\t<\/article>\n<\/section>\n\n\n<section class=\"anchor\">\n\t<article>\t\n\t\t<a id=\"Wisse\"  tabindex=\"-1\"><\/a>\n\t\t<h2>Den Wahrheitsbezug der christlichen Theologie neu entdecken (Maarten Wisse, Professor f\u00fcr Dogmatik, Utrecht)<\/h2>\n\t<\/article>\n<\/section>\n\n\n<section class=\"textblock \">\n\t<article class=\"\">\n\t\t<div>\n\t\t\t<p class=\"normal1\" style=\"margin: 9.0pt 0cm 9.0pt 0cm\"><span style=\"color: black\">Es ist gut, dass die Diskussion \u00fcber die Zukunft der Theologie gef\u00fchrt wird. Als Niederl\u00e4nder, der sowohl mit einer Niederl\u00e4ndischen als auch mit einer Deutschen Universit\u00e4t verbunden ist, erkenne ich viele der in den verschiedenen Beitr\u00e4gen genannten Fragen und Argumente wieder. Meiner Meinung nach sollte es jedoch m\u00f6glich sein, n\u00e4her zueinander zu kommen als die vier Autoren, die zu diesem Heft beigetragen haben, dies tun. Es gibt etwas Gemeinsames in den vier Beitr\u00e4gen, aber dies bleibt eher implizit und dies explizit zu machen, k\u00f6nnte uns helfen, die Diskussion weiterzubringen.<\/span><\/p>\n<p class=\"normal1\" style=\"margin: 9.0pt 0cm 9.0pt 0cm\"><span style=\"color: black\">Was ich in den gegebenen Beschreibungen der Theologie vermisse, ist eine Verkn\u00fcpfung christlicher Theologie mit der Wahrheit des christlichen Glaubens. Ein existenzielles Interesse an die Wahrheit des christlichen Glaubens besteht in der Tat bei den meisten Studierenden. Aber ein Ringen um die Wahrheit des christlichen Glaubens steckt auch historisch gesehen schon in der Struktur unserer Disziplin. Warum sind die biblischen und historischen F\u00e4cher so wichtig? Das liegt daran, dass wir in unserer Disziplin davon ausgehen, dass die Texte, die dort im Mittelpunkt stehen, die Wirklichkeit Gottes in Jesus Christus erschlie\u00dfen. Deswegen ist die Geschichte der christlichen Theologie eine Streitgeschichte. Auch wenn die endg\u00fcltige Wahrheit des Glaubens uns immer auch entzogen bleibt, ist der Wahrheitsbezug des Glaubens konstitutiv f\u00fcr unsere Disziplin, nicht nur eine ethische, eine spirituelle, sondern auch eine historische Wahrheit.<\/span><\/p>\n<p class=\"normal1\" style=\"margin: 9.0pt 0cm 9.0pt 0cm\"><span style=\"color: black\">In der gegenw\u00e4rtigen Theologie scheinen wir aber dieses direkte Bem\u00fchen um die Wahrheit des Glaubens zu umgehen, auch wenn unsere Disziplin ihre Daseinsberechtigung darin hat. Vielleicht wussten fr\u00fchere Generationen diesen Widerspruch noch zu verinnerlichen, f\u00fcr die heutigen Studierenden ist er nicht \u00fcberzeugend und f\u00fcr manche gar nicht erst fassbar. Wir k\u00f6nnen das Desinteresse, das bei manchen Studierenden im Hinblick auf den historisch-kritischen Umgang mit den biblischen und sp\u00e4teren theologischen Texten entsteht, bequem als Fundamentalismus beiseiteschieben, aber damit \u00fcbersehen wir die Anomalie in unserem eigenen Umgang mit den historischen Quellen der Theologie.<\/span><\/p>\n<p class=\"normal1\" style=\"margin: 9.0pt 0cm 9.0pt 0cm\"><span style=\"color: black\">Aber auch die Argumente von Kunstmann und Lauster hinken, wenn es darum geht, die Sache zu adressieren, um die es in der Theologie geht. Noch einmal das Christentum als kulturelles und philosophisches Ph\u00e4nomen zu begreifen oder an die religi\u00f6sen Interessen von heute anzupassen, daf\u00fcr werden viele gl\u00e4ubigen Studierenden von heute nicht mehr an die Universit\u00e4t kommen.<\/span><\/p>\n<p class=\"normal1\" style=\"margin: 9.0pt 0cm 9.0pt 0cm\"><span style=\"color: black\">Was die Sprachen betrifft, so ist die Vorstellung, dass Sprachkenntnisse automatisch zur Theologie f\u00fchren, nachweislich falsch. Es gibt viele Beispiele von Menschen, die sehr gute \u00dcbersetzer sind, aber damit keine guten Hermeneuten oder Denker werden. Umgekehrt gilt dasselbe: Gute Denker sind nicht unbedingt gute \u00dcbersetzer. Das ist genau der Grund, warum wir in der Theologie weder den Philologen, Exegeten, Historiker, Systematiker noch Praktischen Theologen entbehren k\u00f6nnen! Ich m\u00f6chte ein anderes Argument f\u00fcr den Erhalt der Sprachen geben.<\/span><\/p>\n<p class=\"normal1\" style=\"margin: 9.0pt 0cm 9.0pt 0cm\"><span style=\"color: black\">Ich denke, dass die Sprachen f\u00fcr Sch\u00fcler nicht unbedingt ein Argument sind, das Theologiestudium beiseitezulegen. F\u00fcr liberal-christliche Studierende macht es das Studium gerade als Sprach- und Kulturstudium interessant, w\u00e4hrend f\u00fcr konservative Studierende der Zugang zur Wahrheit der Schrift gerade durch die Sprachkenntnisse vergr\u00f6\u00dfert wird (gerade sie teilen diese Voraussetzung der Reformation auch heute noch). In den Niederlanden, wo es seit vielen Jahren Varianten des Theologiestudiums ohne die alten Sprachen gibt, hat sich ebenfalls l\u00e4ngst gezeigt, dass die meisten Studierenden diese Wege im Bachelorstudium nicht w\u00e4hlen (weniger als 20 Prozent). Meiner Ansicht nach liegt das daran, dass der Verzicht auf die alten Sprachen eine Entmythologisierung des Theologiestudiums zur Folge hat, die nicht zur Attraktivit\u00e4t des Studiums f\u00fcr j\u00fcngere Generationen beitr\u00e4gt.<\/span><\/p>\n<p class=\"normal1\" style=\"margin: 9.0pt 0cm 9.0pt 0cm\"><span style=\"color: black\">In den Niederlanden haben wir seit der Einf\u00fchrung der Bologna-Struktur eine BA\/MA-Struktur. Diese Umstellung hat in den Niederlanden nicht zu einem revolution\u00e4r anderen Studienaufbau gef\u00fchrt. Die BA\/MA-Struktur, wie sie auf dem europ\u00e4ischen Kontinent eingef\u00fchrt wurde, ist so flexibel, dass ich das gro\u00dfe Ma\u00df an Widerstand dagegen in Deutschland nicht gut verstehe. Obwohl die klassische Struktur des Theologiestudiums in Deutschland allerdings ihre starken Seiten hat, ist innerhalb der BA\/MA-Struktur so viel Variation m\u00f6glich, dass die Nachteile weitgehend durch einen kreativen Umgang mit der Struktur abgemildert werden k\u00f6nnen. Man kann ein BA\/MA-Studium weitgehend flexibilisieren, sodass es der freien Struktur \u00e4hnelt, wie sie in Deutschland im Pfarramtsstudium gehandhabt wird.<\/span><\/p>\n<p class=\"normal1\" style=\"margin: 9.0pt 0cm 9.0pt 0cm\"><span style=\"color: black\">Auch in den Niederlanden wird viel \u00fcber den Kern der Theologie und notwendige Reformen des Curriculums diskutiert, um die Theologie an die Fragen von heute anzupassen. Mir ist dabei aufgefallen, wie wenig wir in solchen Diskussionen von Entwicklungen in anderen L\u00e4ndern profitieren. Wir versuchen doch immer wieder, das Rad selbst neu zu erfinden. Das ist sehr bedauerlich und nicht notwendig. Denn letztlich stehen alle nicht-fundamentalistischen theologischen Institutionen weltweit vor derselben Herausforderung: die Dynamik wiederzuentdecken, die der theologischen Disziplin ihren Zusammenhalt verleiht und die zu dem Kontext passt, in dem sich die Theologie heute befindet, n\u00e4mlich in einem post-postmodernen Kontext, in dem Jugendliche wieder nach Sinn, aber vor allem auch nach Sicherheit und Klarheit fragen, was wir als Kinder der (post-)modernen Zeit auch davon halten m\u00f6gen.<\/span><\/p>\n\t\t<\/div>\n\t<\/article>\n<\/section>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":5,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"class_list":["post-923","page","type-page","status-publish","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/streit-kultur.mohrsiebeck.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/923","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/streit-kultur.mohrsiebeck.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/streit-kultur.mohrsiebeck.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/streit-kultur.mohrsiebeck.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/5"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/streit-kultur.mohrsiebeck.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=923"}],"version-history":[{"count":90,"href":"https:\/\/streit-kultur.mohrsiebeck.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/923\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1029,"href":"https:\/\/streit-kultur.mohrsiebeck.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/923\/revisions\/1029"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/streit-kultur.mohrsiebeck.com\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=923"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}